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Der AGV im Gespräch mit – Andrea Basermann

„Erdbeben, Hochwasser, Hurrikane, Hungersnöte …Die Katastrophen sind so unterschiedlich – man kann eine Katastrophe nicht mit der anderen vergleichen“, erzählt Andrea Basermann, Dipl. Physikerin und seit 1998 Abteilungsleiterin Nationale Hilfsgesellschaft beim DRK Braunschweig – Salzgitter. Die „Katastrophenlady“ hat Wohnsitze in Niedersachsen, Hessen und den USA und ist beeindruckend unprätentiös. Ihr Metier ist das Chaos. Und das bewältigt sie unglaublich gut. „Wir können Euch ja nicht liegenlassen.“, meint sie schmunzelnd.

Die Komfortzone ist nicht ihr Ding. Es sind die Extremsituationen, in denen man sie antrifft. Zum DRK kam sie 1973 durch einen Erste – Hilfe – Kurs, den sie für ihre Ausbildung zum Rettungsschwimmer brauchte. Ihrem Ausbilder sagte sie damals, dass er keine Ahnung habe. Mit seiner Antwort, dass sie es dann doch besser machen solle, löste er ein lebenslanges Engagement aus …Studiert hat Andrea Basermann Ozeanographie, Meteorologie und Physik. Als Diplomphysikerin war sie für die Siemens AG tätig.

Was sie am DRK fasziniert

Es gelten für alle Organisationen, die der Bewegung angehören, 7 Grundsätze weltweit, deren Schlagworte sind: Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. Es gibt allein 190 nationale Organisationen und Kameradschaft wird großgeschrieben, erfahre ich. „Im Maße der Not zu helfen, also nicht über Schuld oder Unschuld zu entscheiden. Wer Hilfe braucht, kriegt Hilfe. Das ist es, was es für mich ausmacht.“, sagt Andrea Basermann.

Aktuell sind ihr in Braunschweig 130 Mitarbeiter unterstellt. Ihr Arbeitstag beginnt gegen 7.30h und dann beginnt das tägliche Chaos. Man kann nie planen. Der Fachkräftemangel macht sich auch hier bemerkbar. Bereits seit 2011 können nicht alle Stellen kontinuierlich besetzt werden. Während für die 3jährige Ausbildung zum Notfallsanitäter 200 Bewerbungen eingingen, ist das Interesse am Job des Rettungssanitäters eher verhalten. Das Grundgehalt nach der 13wöchigen Ausbildung beträgt dabei ca. 2.200€ zuzüglich Einmalzahlung, Zuschlägen und Zulagen. Projekte mit Langzeitarbeitslosen sowie Quereinsteigern laufen positiv. 

Internationale Einsätze

Andrea Basermann hat einige Jahre in den USA gelebt und war auch dort beim Roten Kreuz tätig. Sie hat in der Zeit u.a. eine Ausbildung im Bereich Logistik absolviert und war in der Katastrophenschutz – Einsatzzentrale der USA tätig. 50 Staaten werden von dort gemanagt und Andrea Basermann mittendrin. „Da sprach man von „der Katastrophe des Tages““, fügt sie hinzu…

Die Mischung aus Kenntnissen im Bereich Management, Finanzen, Administration, Hospitalmanagement, medizinische Logistik, aber auch Kenntnisse und Fertigkeiten in der Trinkwasseraufbereitung, Abfallmanagement und Hygiene machen sie zum Mitglied einer Handvoll weltweit tätiger Allrounder. Sie spricht fließend englisch und französisch und lernt vor Einsätzen, die länger als 4 Wochen andauern die Basics der jeweiligen Landessprache.

Jedes Land hat seine eigene Kultur. Das fängt schon damit an, dass jedes Land sein eigenes Hygiene – Kit hat, erfahre ich. Es gibt Länder, die kennen kein Toilettenpapier und keine Zahnbürste. Die internationalen Einsätze von Andrea Basermann waren in Zaire, Tansania, Uganda und den „Great Lake Staaten“ sowie Albanien, Haiti und Balkan querbeet … Der letzte Katastropheneinsatz war 2015 in Bayern, als die Flüchtlinge versorgt werden mussten. Da hat sie im Internationalen Team gearbeitet. „Das war komisch, mit dem eigenen Auto zur International Mission zu fahren“, meint Andrea Basermann schmunzelnd.

Vor- und Nachbereitung von Einsätzen

„Man versucht, körperlich fit zu bleiben, aber für alle Katastrophen kann man nicht trainieren. Da gibt es Einsätze bei minus 30 Grad und dann wieder welche bei plus 48 Grad. Vor jedem Einsatz wird eine G 35 Prüfung durchgeführt. Gelegentlich wird mit der Bundeswehr zusammen trainiert. Da geht es dann um Kolonne fahren, Kidnapping, Eigenschutz, Verhalten bei bewaffnetem Überfall etc… In Tansania musste ich 6 Monate im Auto leben, weil die Straßen einfach weggeschwemmt waren. Nach Einsätzen gibt es ein Debriefing zum Verarbeiten der Eindrücke bei Katastrophen. Aber auch Familie und Freunde helfen.“, so Andrea Basermann. 

Der Geruch von verbrannten Menschenleichen ist etwas, was ihr für immer negativ in Erinnerung bleiben wird. Aber auch Positives hat sich eingeprägt. So hatte sie das Glück, in Tansania im Rahmen einer Katastrophe Leute auszubilden, die im Folgejahr bei der nächsten Katastrophe wieder vom Roten Kreuz organisiert werden konnten. 

Und sonst so

Ein Lebensmotto hat Andrea Basermann nicht. Aufgeben war auch nie eine Option. Sie versucht alle Eventualitäten vorzuplanen und immer einen Plan B oder gar C zu haben. Im Rahmen des EU weiten Zivil- und Katastrophenschutzes konnte sich Andrea Basermann bis zum High Level Coordinator qualifizieren. Am meisten beeindruckt hat sie ihr ehemaliger kenianischer Chef in Tansania 1996. Er war ein Chef, der seine Mitarbeiter motiviert und auch beschützt hat. Er war später Generalsekretär des Kenianischen Roten Kreuzes. An einem perfekten Tag gäbe es für Andrea Basermann kein Internet, kein Handy, nur ihren Hund und viel Natur, erklärt sie lachend. „Ich kann von meinem Job mein Stück Brot bezahlen und ich brauche keine Reichtümer.“, sagt sie aus tiefer Überzeugung.Ihr zweijähriger Mischlingshund Rocky ist übrigens aus dem Tierheim. Selbstverständlich wird er zum Rettungshund ausgebildet – im Ergebnis ein vierbeiniger DRKler. Für die Einbrecherabwehr wäre er auch nur bedingt geeignet – „Er würde alle totlecken“, lacht Andrea Basermann.

Foto: Andrea Basermann/DRK