Neuigkeiten

Der AGV im Gespräch mit: BBG-Vorständin Karin Stemmer

Braunschweig. Karin Stemmer ist die einzige Frau im Vorstand einer der ältesten Genossenschaften Deutschlands – der Braunschweiger Baugenossenschaft e.G (BBG). Wohnungswirtschaft, Genossenschaft sind nicht eben Begriffe, die Gefahr laufen, als Synonyme für Unterhaltungswert verwandt zu werden. Umso mehr fasziniert Karin Stemmer. Sie sagt:“ Uns gibt es seit 130 Jahren. Ich will nicht die Asche bewahren, sondern das Feuer brennen lassen. Genossenschaften sind nicht verstaubt, sondern so nah am Menschen wie kein anderes Thema. Genossenschaften erleben bundesweit gerade eine Renaissance.“ Doch was fasziniert in einer High Tech Welt am Wir – Gefühl? Lesen Sie hier, was Elke Fasterding im Gespräch mit der Vorständin erfuhr. Die BBG hat zirka 22.000 Mitglieder und aktuell 6.600 Wohnungen mit Tendenz nach oben. Neumitglieder werden auch durch das Spareinrichtungsangebot gewonnen, erfahre ich von Karin Stemmer.

Wohnen steht bei der BBG absolut im Fokus. Doch was ist on top möglich?

Man kann bei der BBG auf einem Sparbuch auch Geld anlegen mit variablen Zinsen. Damit kann den Mitgliedern ein Zinsvorteil gegenüber den aktuellen Marktkonditionen ermöglicht und umgekehrt der BBG günstiges Baugeld für Projekte gestellt werden. Das Delta zwischen dem Marktzins, den die BBG für Investitionen zahlen müsste und dem Mitgliederzins ist im Grunde die Bankenmarge, die wiederum wertschöpfend für die Mitglieder eingesetzt wird. Die BBG betreibt mithin auch eine Spareinrichtung. Dafür gibt es auch einen gesetzlich definierten Begriff: „WUMS“. Karin Stemmer und ich müssen beide lachen. Die Vorständin hat übrigens ein unglaublich umwerfendes und herzliches Lachen. „Das steht für Wohnungsunternehmen mit Spareinrichtung. Davon gibt es bundesweit 48“, erfahre ich. Aktuell vertrauen sehr viele Menschen der BBG ihr Geld an – es handelt sich um sage und schreibe 127 Millionen Euro… Ein hohes Vertrauen! Dafür musste Karin Stemmer eine mehrjährige Zusatzqualifikation erwerben, eine Geschäftsleiterqualifikation für Spareinrichtungen, die zum 01.05.2017 abgeschlossen sein wird.

Was macht Karin Stemmer aus?

Und das führt mich zum Package von Karin Stemmer … Geboren am selben Tag im selben Jahr wie ich, aber in einem 800 Seelendorf in Unterfranken auf einem kleinen Bauernhof ohne akademisches Umfeld. „Mir war die Welt beim Abitur noch sehr fremd. Ich wollte mal Krankengymnastin werden, weil ich mir Architektin nicht zugetraut habe“. (lacht herzhaft) Sie wollte in die Welt und startete als Au-pair in Kalifornien. Sie studierte später Diplom – Sozialpädagogin, mit Schwerpunkt Gerontologie. Sie gründete dann ein Kinderhaus in einem sozialen Brennpunkt. Es folgten ein Weiterbildungsstudium in Informationsorganisation und das Studium zur Immobilien – Ökonomin. Sie ist Vorständin der BBG (verheiratet, zwei Kinder) und außerdem Geschäftsführerin der BBG Service GmbH und der BBG Senioren – Residenzen GmbH. Wohnungswirtschaft ist sehr viel mehr als das Verticken von Immobilien, so Karin Stemmer. Der Wohnungswirtschaft ist nichts Menschliches fremd …

Welche Veränderungen gibt es in der Wohnungswirtschaft?

Braunschweig war vor vielen Jahren von Leerständen gebeutelt. Bezahlbarer Wohnraum ist mittlerweile auch hier ein Thema. Die Wohnungsunternehmen sichern genau dieses Thema. Die Durchschnittsmieten der BBG liegen bei 5,39€ pro m². Die BBG versorgt breite Bevölkerungsschichten mit bezahlbarem Wohnraum. Die Wohnungswirtschaft leidet sehr unter gesetzlichen Auflagen, also Energieeinsparverordnung, der ganze Dämm-Wahnsinn etcetera Materialkostensteigerungen wie beim Stahlpreis und die Sozialstrukturen in den Beständen ändern sich wie in der Gesamtgesellschaft. Die Tendenz zu Einzelhaushalten auch im Wohnen wird deutlicher. In Braunschweig gibt es wie in vielen Städten über 50 Prozent Ein – Personen – Haushalte. Ein Trend, der auch unter dem Aspekt der Quartiersbetrachtung Herausforderungen durch die unterschiedlichen Lebensstile stellt. Es verändern sich damit auch die Sozialstrukturen. In Nachbarschaften entstehen höhere Konfliktpotentiale aufgrund von sehr heterogenen Lebensstrukturen, so Karin Stemmer.

Was macht sie zur überzeugten Genossenschaftlerin?

„Genossenschaften sind entstanden aus einer Not heraus. Es gab eine Wohnungsnot, in der sich Menschen zusammengeschlossen haben und gesagt haben: Wir machen etwas gemeinsam, was uns alleine nicht möglich ist!“, erklärt Karin Stemmer. „Und für mich ist Genossenschaft immer der dritte Weg zwischen Eigentum und Miete. Als Genossenschaftsmitglied sind sie im Prinzip unkündbar. Es schöpft niemand Gewinne ab. Alles, was eine Genossenschaft erwirtschaftet, wird refinanziert in Bestände oder in mitgliederfördernde Maßnahmen, also auch soziale Aktivitäten“. Ich bedanke mich für ein sehr offenes und ausgesprochen angenehmes Gespräch!