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Ein Glücksforscher packt aus – Tobias Rahm im Interview

Zugegeben – für die meisten Menschen gab es sicherlich glücklichere Zeiten, als die vergangenen 12 Monate Corona-Krise. Glücksforscher Tobias Rahm vom Institut für Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig will da auch überhaupt keine Zweifel aufkommen lassen. „Natürlich gibt es den altbekannten Spruch, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt, das stimmt sicherlich. Aber das hilft Menschen, die um ihre Existenz bangen müssen, nun überhaupt nicht und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass es nur eine Einstellungsfrage ist, wie man durch diese schwere Zeit kommt.“ Damit wären die Rahmenbedingungen für das Gespräch mit dem Glücksforscher gesteckt, der aber auch deutlich macht, dass es durchaus möglich ist, auch in der Pandemie Glück zu empfinden. Doch was bedeutet Glück überhaupt? In der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Konzepte von Glück. Eine gute allgemeingültige Definition ist es, Glück als subjektives Wohlbefinden zu sehen. Menschen mit hohem subjektiven Wohlbefinden haben häufig positive Emotionen, selten negative Emotionen und eine hohe Lebenszufriedenheit.

 

„Man kann an dieser Stelle auch wunderbar mit einem Soll/Ist Vergleich arbeiten – das heißt: Wie ist mein Leben und wie soll es eigentlich sein? Je größer die Übereinstimmung, desto glücklicher sind Menschen in der Regel. Gibt es eine große Diskrepanz, dann sinkt die Zufriedenheit.“ Lösungen für dieses Dilemma? „Man könne dann natürlich härter daran arbeiten, dass man näher an einen „Soll-Zustand“ kommt, z.B. einen eigenen Sportwagen besitzen oder mehr Geld auf dem Konto haben. Häufig lohnt es sich aber, die eigenen Wünsche einmal zu überprüfen und zu schauen, ob nicht auch etwas dabei ist, was durch die Gesellschaft oder Zwänge auferlegt wurde“, so Rahm. Dann könne man vielleicht den Soll-Zustand verändern. Zum Beispiel indem man sich fragt, brauche ich wirklich einen Sportwagen? Dadurch könnte man auch wieder glücklicher im Ist-Zustand leben.

 

Ein weiteres Problem bei der Sache: Laut der Forschung gibt es drei Grundbedürfnisse, die den Menschen nach der Erfüllung der existenziellen Bedürfnisse intrinsisch motivieren und glücklicher machen. Kompetenz, Autonomie und Verbundenheit. „Ich möchte als fähig und kompetent wahrgenommen werden, z.B. für meine gute unternehmerische Leistung. Ich möchte autonome Entscheidungen treffen, das gelingt besonders gut bei finanzieller Unabhängigkeit und ich möchte mit anderen Verbunden sein, nicht einsam und alleine bleiben. Die Krise schlägt bei allen Grundbedürfnissen durch und das frustriert natürlich“, so Rahm. Stellt sich die Frage, wie kommt man da jetzt raus? „Die Pandemie wirft uns aus gewohnten Routinen, wir können uns auf vieles nicht mehr so richtig verlassen“, sagt der Glücksforscher. Dadurch entstehe Verunsicherung. Diese anzuerkennen sei ein guter erster Schritt in Richtung guter Verarbeitung coronabedingter Sorgen. „Menschen, die viel Optimismus in sich tragen und sich mit dem Gedanken anfreunden können, dass wir durch die aktuelle Krise schon irgendwie durchkommen, die werden damit vermutlich besser fahren“, so der Experte weiter. „Je mehr man dabei aktiv gestaltet und nicht nur Durchhalte-Parolen im Fokus stehen, umso glücklicher kann man werden. Wartet man auf den Friseur-Besuch oder schaut man sich ein Tutorial an und schneidet selbst? Nutzt man die Zwangspausen, um z.B. das eigene Unternehmen neu aufzustellen oder macht man sich kreisende Sorge? Wer gestalten kann, dem wird das ungemein helfen“, so Rahm. Er ergänzt: „In der Theorie ist also festzuhalten, dass man mit positiven Gedanken und aktiver Gestaltung zufriedener sein wird. Mir ist natürlich auch bewusst, dass ein Unternehmer, der nicht weiß wie er Rechnungen und Mitarbeiter bezahlen soll, schwer in der Lage ist so frei zu handeln.“ Dennoch sei dieser Weg für die Psyche eine bessere Lösung.

 

 

Auf die konkrete Frage, was Unternehmen für Ihre Mitarbeiter tun können, hat der Forscher eine klare Meinung: „Einfach zuhören. Die Sorgen und Ängste wahrnehmen und auch einmal neben den Arbeitsroutinen nachfragen, wie es X oder Y eigentlich geht. Das ist natürlich in großen Firmen nicht ganz einfach, aber jedes ehrliche Wort und Gespräch kann helfen. Wir essen seit einiger Zeit virtuell zu Mittag, alle zusammen. Natürlich ersetzt es nicht den normalen Austausch, aber es ist besser, als überhaupt nichts zu tun.“

 

Was hilft sonst noch, gibt es konkrete Tipps, eine Anleitung zum Glücklich sein? „Körperlich aktiv zu bleiben, ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor, weil das auch einen riesigen Einfluss auf die Psyche haben kann. Ich glaube auch, dass das Kultivieren von Dankbarkeit sehr zum positiven Umgang beitragen kann“, rät Rahm. Zudem rät er dazu jeden Tag drei gute Dinge bewusst wahrzunehmen und sich zu vergegenwärtigen, vielleicht abends vor dem Schlafengehen. Das können ganz kleine Dinge sein, etwa eine Beobachtung in der Natur oder ein freundliches Lächeln oder eine positive Rückmeldung aus der Familie. So lenkt man die Gedanken auf das Positive und verstärkt damit den Effekt. Die indianische Weisheit dahinter lautet: Füttere den richtigen Wolf, erklärt Rahm. In der Geschichte kämpfen in jedem Menschen zwei Wölfe miteinander. Der eine steht für Positivität, Glück und Erfolg. Der andere für Wut, Hass, Angst und Egoismus. Es kommt darauf an, den richtigen Wolf zu nähren, um glücklich zu sein. Zudem sollte man versuchen, schöne Momente wertzuschätzen. „Ich mag zum Beispiel Eichhörnchen und freue mich, wenn ich eins sehe. Das nehme ich dann auch bewusst wahr, lasse mein Handy beim Spaziergang in der Tasche und versuche Situationen generell positiv zu beeinflussen. Nur rund 50 Prozent unseres Glücksempfindens ist vorgeprägt, da ist also viel Luft für Gestaltungsspielraum. Natürlich sind Geld und Begleitumstände ein Faktor, aber man kann auch mit eigenem Verhalten und Überdenken von Einstellungen viel ändern.“

 

Mit dem Glücksgefühl ist es allerdings so eine Sache: Es ist kein Dauerzustand. Nach Erfolgserlebnissen pendelt es sich nach einiger Zeit wieder auf Normalniveau ein. Das bezeichnet die Forschung als Hedonistische Tretmühle. Ein Gewöhnungseffekt also, der nach positiven, aber auch nach negativen Ereignissen eintritt. „Momentan haben wir einen deutlichen Knick, aber wenn wir durchgeimpft sind und die Normalität Stück für Stück zurückkehrt, dann wird das auch wieder nach oben gehen, bevor es sich wieder einpendelt.“ Eine dauerhaft unglückliche Gesellschaft sei nicht zu erwarten und zumindest diesen positiven Gedanken sollte man sich doch bewahren…

 

Weitere Informationen auch unter www.tu-braunschweig.de/gluecksforschung.

 

10 Tipps, um glücklicher zu werden

 

  1. Tu mehr gute Dinge und erlebe mehr positive Emotionen!

 

  1. Akzeptiere die Dinge, die du nicht ändern kannst!

 

  1. Verbinde dich mit anderen Menschen!

 

  1. Nimm dir Zeit für dein Glücklichsein!

 

  1. Übe dich in Dankbarkeit!

 

  1. Vollbringe gute Taten!

 

  1. Gönn dir genussvolle Erlebnisse!

 

  1. Füttere den richtigen Wolf!

 

  1. Bleib stehen, wenn du Eichhörnchen siehst!

 

  1. Bewege dich – Sport ist nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist gut