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Frank Sieren zu Gast beim AGV ArbeitgeberDialog: „Die westlich Vorherrschaft geht zu Ende“

Kaum ein anderes Thema hätte dieser Tage wohl mehr Aktualität als ein intensiver Blick auf China. Produktionsausfälle im Reich der Mitte durch das Corona-Virus treffen nicht nur die Menschen vor Ort hart, sondern auch die Deutsche Wirtschaft. Damit offenbart der Virus, was manchmal im Tagesgeschäft in Vergessenheit gerät: China ist schon heute wesentlicher Faktor für wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg hierzulande. Angst vor China müsse aber nur haben, wer sich mit dem Reich der Mitte nicht beschäftigt, stellte Frank Sieren fest. Der Journalist und Autor lebt seit über 20 Jahren in China und war Top-Speaker des ArbeitgeberDialogs, zum dem der Arbeitgeberverband Region Braunschweig am 03. März 2020 über 300 Gäste im Westand begrüßte. Dabei erhielten die Gäste nicht nur einen Insiderblick von Frank Sieren, sondern konnten in einer eigens vom AGV produzierten Videodokumentation erfahren, wie vielfältig die Beziehungen zwischen der Region Braunschweig-Wolfsburg und China heute schon sind.

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Entwicklung Chinas in den letzten 20 Jahren ist atemberaubend

Wieder einmal wurde dabei deutlich: Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in den letzten 20 Jahren ist atemberaubend. Das Reich der Mitte ist mit großen Schritten dabei, die USA als größte Volkswirtschaft der Welt abzulösen und setzt sich ambitionierte Ziele. Mit Schlüsseltechnologien wie der Künstlichen Intelligenz wird China zur wichtigsten Industrienation der Welt aufsteigen, war sich Keynote-Speaker Frank Sieren sicher. Die „Neue Seidenstraße“ solle dabei als gigantisches und weltumspannendes Infrastrukturprojekt die nötigen Marktzugänge dafür schaffen. Europa reagiere dabei weiterhin zu zurückhaltend auf die Entwicklungen.  Sieren mahnte an, dass China sich sowieso nach und nach diesen Bereich erschließen werde, also mache es Sinn, offensiv Kooperationen zu suchen. Dabei müsse man besonders die Stärken der Volksrepublik in den Fokus nehmen und jene Nischen ausfindig machen, in denen die Chinesen nicht selbst eine Technologieführerschaft anstrebten. Davon gäbe es laut Sieren weiter genügend und unser deutsches Knowhow sei weiter viel wert. Aber „made in germany“ alleine reiche nicht mehr aus, um die fortschrittlichen Chinesen zu beeindrucken. Sieren verglich die Entwicklung Chinas mit einer Riesenwelle, die man nicht mehr aufhalten. Wie beim Surfen könne man eine Welle nur dann reiten, wenn man sie richtig einschätze – sonst breche sie eben über einem zusammen.

500 Jahre westlicher Vorherrschaft gehen zu Ende

Die Wachstumsraten im Reich der Mitte seien längst nicht am Ende und aus seiner Sicht sei es unumkehrbar, dass 500 Jahre westlicher Vorherrschaft zu Ende gehen werden. „Die Chinesen haben keine Auslandsschulden, kaufen international weniger ein, als sie verkaufen, ihre Devisenreserven gehören zu den höchsten der Welt und das mit einem geringen Pro-Kopf-Einkommen – Wer so da steht, der muss sich keine Sorgen um die Binnenverschuldung machen. China wird Amerika eher früher als später überholen, Handelsstreit hin oder her“, so Sieren. Fast alles was bei Walmark in den Regalen liege, komme aus China. „Wenn Peking will, dann sind die Regale dort schnell leer, es ist also fraglich, ob Amerika wirklich am längeren Hebel sitzt, bei dieser Auseinandersetzung“, befand der Experte. Die Geschwindigkeit und der Hunger nach Innovationen werde auch künftig nicht nachlassen. Seine Kinder etwa lernten in ihrer chinesischen Schule doppelt so viel pro Jahr, wie die Kinder in Deutschland in der gleichen Zeit. Das seien Fakten, die sich einfach nicht zur Seite schieben ließen.

Balance finden

In der Folge würden sich auch die Machtverhältnisse im IWF und im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verschieben. Man werde sich mehr und mehr auf eine multipolare Weltordnung einstellen müssen mit wechselnden Allianzen. Nur eine gemeinsame europäische Strategie könne dabei helfen, zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Wolle der Westen seine Werte schützen, dann müsse man technologisch auf Augenhöhe bleiben und sich nicht in Arroganz gegenüber China verzetteln. „Die Chinesen wollen uns weder unterjochen noch besiegen. Sie wollen aber so wichtig werden, wie sie es schon einmal waren. Sie wollen mitbestimmen und entscheiden und wir werden dadurch an Macht verlieren“, erklärte Sieren. Das Neue dabei sei, dass die Chinesen in die Welt hinausgingen, sich international vernetzen. Das habe es in dieser Intensität in der chinesischen Geschichte noch nicht gegeben. Im Westen unterschätze man dabei konsequent den Aufstieg Chinas. „Wir müssen die richtige Balance finden in der Berichterstattung zwischen den Problemen, die China zweifellos hat, und den Fortschritten, die die Chinesen machen“. Sieren erklärt dies mit einem Beispiel: „Die Chinesen setzen andere Maßstäbe an das Thema Freiheit als die Mehrheit in den westlichen Gesellschaften. Man neigt in diesem Land eben eher zur Ordnung und verzichtet dafür auf einen Grad an Freiheit.“ Das Sozialkreditsystem, das die Bürger in ihrem sozialen Verhalten bewerten soll, werde zum Beispiel in China selbst sehr viel weniger kritisch gesehen, weil die Chinesen sich mehr Transparenz und damit weniger Korruption davon versprechen  – in der deutschen Berichterstattung versuche man gar nicht zu verstehen, warum die Chinesen solche Eingriffe in Ihre Privatsphäre zulassen.

 

Diese gesamten Entwicklungen seien kein Grund, um ängstlich zu sein. Die Chinesen würden Deutschland immer noch als einen wichtigen Wert zumessen. Doch das allein reiche eben nicht. Man müsse akzeptieren, dass es zukünftig für Europa eher darum ginge, das Zünglein an der Waage zu spielen und nicht mehr der Entscheider zu sein. Vor allem müssten die Deutschen aber endlich die Herausforderungen annehmen und ihre Innovationskräfte und den eigenen Tatendrang schärfen– „Sonst werden wir ein Freizeitpark.“ Sieren beschreibt die Situation am Ende mit Moderator Martin Brüning mit einer Fußballmetapher. „Wir spielen gerne quer vor dem Strafraum und suchen den sicheren Pass, ohne ins Risiko zu gehen, China spielt steil in der Strafraum. Das erfordert viel Laufarbeit und Einsatz, kann aber auch schnell höheren Ertrag aufbringen.“ Es sei durchaus an der Zeit, das Risiko an der ein oder anderen Stelle zu erhöhen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.