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Im Gespräch mit… Dr. des. Jeremias Othman

Nach vier Jahren verlässt Thorsten Witt Ende 2021 das Haus der Wissenschaft Braunschweig. Sein Nachfolger wird der Sprachwissenschaftler und Wissenschaftskommunikator Dr. des. Jeremias Othman. Im Januar 2022 wird Jeremias Othman die Geschäftsführung des Hauses übernehmen. Wir konnten bereits jetzt mitihm über kommende Aufgaben, die Verbindungen zur Wirtschaft und seine Wünsche für die Region sprechen.

 

 

Bevor Sie im Mai als Projektleiter an das Haus der Wissenschaft kamen, waren Sie an der TU Braunschweig wissenschaftlicher Mitarbeiter, schrieben Ihre Doktorarbeit zum Thema „Symbolische Kommunikation“ und hatten einen Fokus auf der Wissenschaftskommunikation. Wie wurden Sie dann Leiter im Haus der Wissenschaft?

 

Das Haus der Wissenschaft hat vor einiger Zeit bei den Geisteswissenschaften angefragt, ob auch dort Interesse daran bestünde, am Format Science Slam teilzunehmen. Meine Doktormutter Prof. Toepfer hat uns als Mitarbeitende immer darin bestärkt, Forschung auch in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Mit dem ersten Science Slam war ich dann vom Format und vor allem von der Idee des Hauses begeistert. Dadurch inspiriert, betreibe ich seit gut fünf Jahren Wissenschaftskommunikation. Als die Stellenausschreibung für die Geschäftsführung dann fast zeitgleich mit dem Abschluss meiner Promotion zusammenfiel,
war die Entscheidung mich zu bewerben, schnell gefällt.

 

Was reizt Sie besonders am Wechsel an die Spitze des Hauses und was haben Sie sich vorgenommen?

 

Besonders reizt mich das Potenzial, das die besondere Einbindung des HdW durch die Gesellschafterstruktur bietet. Wo sonst hat man die Möglichkeit, so eng mit Akteur*innen aus Wissenschaft und Wirtschaft und Kultur zusammenzuarbeiten und dann auch noch mit Formaten zu experimentieren, die die Gesellschaft nachhaltig zusammenbringen? Vorgenommen habe ich mir, die bestehenden Formate weiterzuentwickeln und gemeinsam mit meinem Team, in Braunschweig und der Region neue Möglichkeiten für Wissenschaftskommunikation und Transfer zu erschließen.

 

Sie gelten als Experte für Wissenschaftskommunikation. Wie wollen Sie Ihre Expertise in das Haus der Wissenschaft einbringen?

 

Das Haus der Wissenschaft steht für Austausch, Informations- wie Wissensvermittlung und dient neben dem experimentellen Charakter als neutraler Ort, an dem man gemeinsam ins Gespräch kommt. Einbringen werde ich dahingehend meine Erfahrungen im Bereich Beratung, Moderation und meine unerschöpfliche Neugier am Gegenüber und Themen der
Forschung.

 

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

 

Verbindlich, kohärent, dialogorientiert und mit dem Team im Fokus.

 

Was läuft aus Ihrer Sicht schon besonders gut im Haus der Wissenschaft? Werden die bestehenden Formate auch in Zukunft weitergeführt? (z.B. Digital Dienstag und der Digitale Marktplatz)?

 

Da Sie gezielt diese Formate ansprechen: Gerade die ‘Evergreens’ wie Science Slam oder die Diskussionsrunden und der Astroherbst werden weiter existieren. Sie sind im übertragenen Sinn schon in die DNA des Hauses eingegangen und wirken kontinuierlich in die Stadt. Formate, die sich darüber hinaus aktuell etablieren sind etwa ‘Make Your School’ und der Podcast ‘Forsch!’ gemeinsam mit der Braunschweiger Zeitung. Zukünftig kommen neue Formate hinzu, deren Grundstein bereits gelegt ist. Darunter fällt z.B. die Veranstaltungsreihe ‘Ortswechsel’, die über zwei Jahre die kreativen Orte in Braunschweig
sichtbar macht und untereinander vernetzt. Gefördert wird diese Reihe von der Stadt Braunschweig, als Partner haben wir den KreativRegion e.V. Formate wie den Digital Dienstag oder den Digitalen Marktplatz haben wir ganz aktuell weiterentwickelt. Im Mai 2022 kommt der ‘Salon der Wissenschaft’ mit Fragen an die Zukunft, bei dem Bürger*innen die Möglichkeit haben, mit bekannten Größen aus der Forschungsregion ins Gespräch zu kommen. Dieses Event soll jährlich wiederholt werden. Zusätzlich haben wir zwei Wissenschaftsjahrprojekte des BMBF im Programm von 2022; unter anderem zum Thema Stadtentwicklung und der Frage: Wie wollen wir leben? Dahingehend besteht auch im Bereich Bürger*innenbeteiligung eine Kooperation mit dem Leibniz Science Campus-Postdigitale Partizipation. Dazu kommt ein weiteres Förderprojekt, dass über fünf Jahre gemeinsam mit dem Phaeno, dem Start-Up ‘Codenauten’ und dem Institut für Fachdidaktik der Naturwissenschaften eine MINT-Liga aufstellen wird, mit besonderem Fokus auf Mädchen, jungen Frauen, jugendlichen Menschen mit Fluchterfahrung und Jugendlichen aus den peripheren Räumen. Zentral ist dabei der Austausch mit Unternehmen. Wir haben also einiges in der Pipeline.

 

Was muss sich künftig noch verbessern?

 

Wir gehen den Aspekt Internationalisierung an und erschließen weitere Zielgruppen. Dafür wird es zentral sein, das Haus nicht ausschließlich als Immobilie im Wortsinn, sondern als Mindset zu verstehen, das wir weiter in die Stadt und in die Region tragen.

 

Wie sieht bei Ihnen aktuell ein typischer Arbeitstag aus? Und was hat sich vielleicht in der Corona-Zeit verändert? Wie hat es die Arbeit im Haus verändert?

 

Üblicherweise beginnt der Arbeitstag mit einem Spaziergang. Dieser führt mich entweder ins Home-Office oder ins Büro. Wie bundesweit auch ist im HdW das Home-Office nach wie vor Thema und mit diesem regelmäßige Team-Videokonferenzen, weitere Besprechungen über Videocalls z.B. zu Antragsskizzen. Der Rest des Tages ist momentan mit dem Verfassen von Abschlussberichten zu Wissenschaftsjahrprojekten und natürlich Themen rund um die Übergabe der Geschäftsführung gut gefüllt. Eine schöne Abwechslung ist der aktuell mögliche Mix aus Home-Office und Präsenz, weil dieser kleine Inseln schafft, die einem klassischen Büroalltag ähneln, mit Austausch an der Kaffeemaschine usw.Digitalisierung ist eines der zentralen Zukunftsthemen, auch dort kommen wir an vielen Stellen nur schleppend nach vorne.

 

Wie sehen Sie das Haus der Wissenschaft in diesem Bereich aufgestellt?

 

Sehr gut, nicht zuletzt durch meinen Vorgänger in spe Thorsten Witt. So sind die Büroabläufe größtenteils digitalisiert. Im Zuge der Coronapandemie wurden außerdem zahlreiche Veranstaltungen online durchgeführt und zusätzlich neue digitale Formate
konzipiert und erfolgreich erprobt. So entstand zum Beispiel eine Online-Version des Escape-Games ‘BioEconomyNow!’ Was zu Beginn eine gute Alternative war, um weiterhin aktuelle Informationen und Inhalte zu vermitteln, kann jetzt bei uns gebucht werden. Das HdW begleitet so wissenschaftliche Talks bei der Umsetzung partizipativer, digitaler Veranstaltungen. Gerade die Beteiligung ist bei Online-Formaten teilweise größer. Allerdings, das möchte ich betonen, stehen Online-Events, ob hybrid oder nicht, in keinem Verhältnis zu Live-Veranstaltungen mit Publikum bzw. Akteur*innen vor Ort. Der gemeinsame Austausch funktioniert live natürlich auf einer ganz anderen, z.B. persönlicheren Ebene.

 

Wie bewerten Sie den Austausch mit der regionalen Wirtschaft? Wo gibt es Anknüpfungspunkte? Wo positive Beispiele? Wo ist noch Nachholbedarf?

 

Austausch und Wissen(schafts)stransfer ist immer dort möglich, wo sich Überschneidungen ergeben zwischen den Feldern Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung und Kulturbetrieb. Der Austausch mit der regionalen Wirtschaft ist bereits durch die Struktur der HDW-Gesellschafterversammlung angelegt mit dem AGV, dem Braunschweig Stadtmarketing, der ForschungRegion, der Kaufmännischen Union und der TU Braunschweig. Das kenne ich von keiner vergleichbaren Einrichtung. Dadurch ist man stets im Gespräch, bieten sich Kooperationen für Projekte und eine sprudelnde Quelle an Material für Diskussionsrunden – Tendenz steigend im Bereich Wirtschaft. Unseren spezifischen Auftrag sehe ich dann gerade darin, die breite Öffentlichkeit einzubeziehen. Die oben aufgezählten Formate spiegeln das wider. Zum Nachholbedarf: Wie angedeutet kann das HdW auch als Partner über die Smart-City hinaus als Treiber in die Smart-Region wirken. Das möchte ich angehen.

 

Wie sehen Sie es allgemein: Läuft die Region Gefahr abgehängt zu werden und wie schwer wird es in Zukunft aus Ihrer Sicht für die vielen Zulieferer, die auf Verbrennungsmotoren ausgelegt sind?

 

Statt schrumpfend würde ich Braunschweig und die umliegende Region eher als boomend beschreiben. Mal konkret auf Braunschweig: Hier haben wir eine durchschnittliche deutsche Stadt. Das meine ich im absolut positiven Sinn. Denn was ist besser, als gesundes Mittelmaß? Das Berlin Institut für Bevölkerung und Wachstum hat 2019 eine Studie veröffentlicht. Unter dem Titel ‘Teilhabeatlas’ wird unter anderem gezeigt, dass Braunschweig seinen Einwohner*innen durchschnittliche bis gute Teilhabechancen bietet. Auch die durchschnittliche Schulabbrecherquote und die Lebenserwartung weisen moderate bis gute Werte auf. Die Versorgung mit alltäglichen Gütern und Dienstleistungen sowie mit schnellen Internetanschlüssen ist wiederum sehr gut. Dazu kommt, dass im Dreieck Wolfsburg-Salzgitter-Braunschweig neben traditionsreichen Konzernen viele große und
mittelständische Unternehmen der Branchen Fahrzeugbau, Stahl und Elektronik gut bis sehr gut qualifizierten Kräften Arbeitsplätze bieten. Dank der Technischen Universität, einer ganzen Reihe renommierter Forschungsinstitute sowie verschiedener High-Tech-Unternehmen weist Braunschweig außerdem eine überdurchschnittliche Wissenschaftsdichte auf, was den Standort zusätzlich sehr attraktiv für junge Menschen macht.

 

Was kann man aus Ihrer Sicht tun, um den Wissensaustausch auch im Bereich der Wirtschaft noch weiter zu intensivieren?

 

Die drei A’s: Abfrage, Akquise, Angehen. Zunächst gilt es zu klären, welche Handlungsfelder und Themen von Interesse sind: ‘Worüber spricht die Region?’ bzw. ‘Worüber möchte sie sprechen?’ Anschließend geht es darum mögliche Akteur*innen zu akquirieren – darunter verstehe ich z.B. KMU, Zivilgesellschaft, Forschende, um nur ein paar zu nennen – und dann gemeinsam den Austausch angehen und Formate multilateral (weiter-)entwickeln, die den jeweiligen Zielgruppen adäquat gerecht werden. Als Ergebnis steht dann ein Werkzeugkasten, der nach Bedarf eingesetzt werden kann.

 

Was gefällt Ihnen ganz persönlich an der Region?

 

Aus meiner vorherigen Profession heraus als Mittelalterenthusiast natürlich die Geschichte, die Literatur, die Legenden, die in der ganzen Region greifbar sind. Heinrich der Löwe, Till Eulenspiegel, Geschichten aus dem Harz usw. Im Bereich Freizeit die Nähe zur Natur; bereits in Braunschweig die vielen kleinen versteckten Parks. An erster Stelle die Tatsache, dass ich seit meiner Ankunft in Braunschweig vor knapp sechs Jahren fast ausnahmslos Menschen treffe, die Lösungen diskutieren und was bewegen.

 

Abschließend: Was würden Sie sich künftig für die Region wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

 

Ich würde mir wünschen, dass die Region ein Leuchtturm der Nachhaltigkeit wird, in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Kulturbetrieb, Stadtentwicklung und Zivilgesellschaft. Mit der Initiative zur Klimaneutralität 2030, der Start-Up Szene, der aktiven Stadtgesellschaft beim Thema Bürger*innenbeteiligung oder den Akteur*innen von Fridays for Future in der Region halte ich das für einen realistischen Wunsch.