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Im Gespräch mit… Mark Schmidt

Mark Schmidt ist seit Anfang diesen Jahres neuer Leiter der DLR-Standorte Braunschweig, Göttingen, Cochstedt, Hannover, Stade und Trauen. Im Gespräch mit dem AGV gibt er Einblicke in seine tägliche Arbeit, verrät wo er die Zukunft der Mobilität sieht, spricht über Vernetzung der Verkehrsträger und seine Sehnsucht nach der Südkurve.

 

Herr Schmidt, in der Vergangenheit haben Sie sich um die Standortentwicklung und das Netzwerk an den DLR-Standorten Mitte gekümmert. Nun haben Sie zum März die Leitung übernommen, was ändert sich für Sie und warum haben Sie diesen Schritt gewählt?

 

Ich arbeite seit nunmehr 15 Jahren im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Arbeit in der Standortleitung bereitet mir große Freude. Das Aufgabengebiet ist mit Übernahme der der neuen Funktion breiter geworden. So nehmen wir beispielsweise die Arbeitgeberfunktion in den DLR-Standorten in der Region Mitte wahr. Diese umfasst neben Braunschweig auch die Standorte Cochstedt, Göttingen, Hannover, Stade und Trauen. Zudem trage ich jetzt die Verantwortung für das Team der Standortleitung in Braunschweig und Göttingen. Die Arbeitsschwerpunkte verlagern sich von der stark inhaltlich geprägten Tätigkeit im Bereich der Standortentwicklung hin zu einer Moderations- und Entscheidungsfunktion in diesem Bereich. Der Schritt an sich war für mich die logische Konsequenz zur persönlichen Weiterentwicklung.

 

Was unterscheidet die Standorte eigentlich, was ist in Braunschweig zentral?

Die Standorte in der Region sind sehr unterschiedlich und deswegen sehr interessant. Göttingen gilt als die Wiege der modernen Aerodynamik. Hier wurde 1907 die weltweit erste staatliche Luftfahrtforschungseinrichtung gegründet. Heute werden in Göttingen mithilfe moderner Großforschungsanlagen Flugzeuge, Raumfahrzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge der Zukunft erforscht. Trauen in der Lüneburger Heide ist mit seinen Versuchsinfrastrukturen der flächenmäßig größte DLR-Standort und in Standort Stade forschen unsere Kolleginnen und Kollegen an der Herstellung von Großbauteilen aus carbonfaserverstärkten Kunststoffen im Industriemaßstab. In Hannover steht die Nutzung von Quantentechnologien und Quantensensoren im Fokus und in Cochstedt schreitet der Aufbau des Nationalen Erprobungszentrums für unbemannte Luftfahrtsysteme voran. Braunschweig ist der wichtigste Standort für die Luftfahrtforschung im gesamten DLR. Neben der Luftfahrt ist seit Anfang der 2000er Jahre auch der bodengebundene Verkehr hier beheimatet. Darüber hinaus wird in den Bereichen Raumfahrt und Energie geforscht. Der Standort zeichnet sich durch seine besondere Lage am Forschungsflughafen, mit direktem Zugang zur Start- und Landebahn des Flughafens, aus. Ein ideales Umfeld für den Betrieb der größten zivilen Forschungsflotte Europas und verschiedener Infrastrukturen, die direkt mit den Simulationsanlagen in den Instituten verbunden sind. Mit der Anwendungsplattform Intelligente Mobilität, dem Testfeld Niedersachsen und dem 5G-Reallabor macht das DLR die Region quasi zu einem großen Forschungslabor.

 

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Arbeitstag aus?

Im Moment ist es schwierig, von einem typischen Arbeitstag zu sprechen. Bedingt durch die Corona-Situation habe ich die ersten drei Monate nach Übernahme der Standortleitung komplett aus dem Homeoffice gearbeitet. Dabei war ich vorrangig mit der Leitung der Notlageteams in der Region beschäftigt. Seit ein paar Wochen bin ich nun regelmäßig in meinem Braunschweiger Büro und kann mich auch zunehmend anderen Themen widmen. Durch die Arbeit mit unseren Instituten und Einrichtungen, den technischen und administrativen Bereichen, der Kommunikationsabteilung, den Betriebsräten und unseren Partnern in den Regionen der Standorte ist der Tag meistens sehr abwechslungsreich und von ganz unterschiedlichen Themen geprägt.

 

Gerne würden wir Sie auch ein bisschen persönlich Kennenlernen. Kommen Sie aus der Region, was sind Ihre Hobbys, wie war Ihr Werdegang bis zum heutigen Tag?

Ich bin ein Kind der Region. Geboren bin ich in Peine und aufgewachsen in Ilsede, wo ich auch meine Schul- und Zivildienstzeit verbracht habe. Im Anschluss daran hat es mich zum Studium der Volkswirtschaftslehre nach Göttingen gezogen. Nach meinem Vordiplom habe ich zwei Trimester an der Faculty of Economics der Rijksuniversiteit Groningen studiert, um dann zum Hauptstudium wieder nach Göttingen zurückzukehren. Nach Abschluss meines Studiums habe ich knapp drei Jahre bei der Braunschweig-Zukunft GmbH gearbeitet und darüber auch den Kontakt zum Forschungsflughafen und seinen verschiedenen Akteuren aufgebaut. 2005 bin ich zum DLR gewechselt, wo ich mich in den letzten Jahren vorrangig mit dem Thema Standortentwicklung beschäftigt habe. Wenn ich nicht arbeite, reise ich gern. Ausgleich finde ich auf dem Crosstrainer, dem Fahrrad oder Skiern. Meinen Stehplatz in der Südkurve konnte ich in letzter Zeit ja leider nicht in Anspruch nehmen.

 

Was gefällt Ihnen ganz persönlich an der Region?

Ich empfinde die Region sowohl landschaftlich als auch von ihrer Wirtschafts- und Wissenschaftsstruktur als sehr vielseitig. Besonders schätze ich die sehr gute Vernetzung in der gesamten Forschungsregion und speziell am Forschungsflughafen. Unterwegs bin ich gerne im Magniviertel, den zahlreichen Parks und entlang der Oker. Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kultur im Zelt oder den Lichtparcours, lasse ich mir nie entgehen.

 

Corona ist weiterhin aktuell – musste auch Ihr Team in das Homeoffice wechseln oder wie sind die Vorgänge bei Ihnen? Was hat sich in den Abläufen geändert?

Das DLR hat in der Corona-Zeit von Anfang an sehr umsichtig gehandelt. Im März haben wir die Standorte zunächst in einen Minimalbetrieb überführt und nahezu alle Mitarbeitenden ins Homeoffice versetzt. Kritische Infrastrukturen haben wir weiterbetrieben. Das hat aus meiner Sicht sehr gut funktioniert. Seit Anfang Mai haben wir die Möglichkeiten zur Arbeit am Standort sukzessive gesteigert.

Auch mein Team arbeitet seit Beginn der Krise überwiegend von zu Hause. Gerade die Besprechungen haben sich in diesem Zeitraum komplett auf Telefon- oder Videokonferenzen verlagert. Mittlerweile ist das ein Stück Normalität, aber ich sehne doch die Zeit herbei, in der man mal wieder mit einem Kaffee zusammensitzt und aktuelle Herausforderungen persönlich am Tisch kontrovers diskutiert und gemeinsam löst.

 

Glauben Sie, dass die aktuelle Lage langfristig Änderungen bei Ihnen ergeben könnte?

Das Thema „mobiles Arbeiten“ und die damit verbundenen Rahmenbedingungen werden sicherlich in den nächsten Monaten auf vielen Ebenen weiter diskutiert werden.

 

Kann man einen allgemeinen Überblick geben welche Themen aktuell bei Ihnen den Forschungs-Mittelpunkt bilden?

In der Luftfahrt geht es um neue Materialien, neue Technologien, neue Triebwerke und Vehikel sowie intelligente Verkehrsführung und Kommunikation – der Schlüssel ist die Digitalisierung beziehungsweise die Virtualisierung. Hier sucht das DLR gezielt den Schulterschluss mit der Industrie in Zentren für virtuelle Technologieintegration oder auch virtuelle Triebwerke und baut mit dem jüngsten in Braunschweig stationierten Flugversuchsträger ISTAR Schlüsselkompetenzen für die Validierung im Flugversuch auf. Im Bereich der bodengebundenen Mobilität steht weiterhin die Erforschung des vernetzten hochautomatisierten Fahrens im Mittelpunkt. Neben dem Testfeld Niedersachsen ist hier auch das 5G-Reallabor in unserer Region von besonderer Bedeutung. Hier erforscht das DLR mit seinen Partnern beispielsweise den ferngesteuerten Bahnbetrieb, die Rettungsmobilität mit Unterstützung durch eine harmonisierte Ampelschaltung sowie die Bildung einer Rettungsgasse mit vernetzten und automatisierten Fahrzeugen. Auch die Nutzung unbemannter Luftfahrzeuge zur Aufklärung und Absicherung von Unfallstellen ist dabei Teil der Forschung.

 

Wo erwarten Sie in technischer Sicht in den kommenden Jahren die größten Veränderungen?

Veränderungen erwarte ich vor allem bei Vernetzung der Verkehrsträger untereinander und mit der Infrastruktur. In der Luftfahrt wird es in allen Bereichen Weiterentwicklungen geben, die zur Erreichung der definierten Klimaziele beitragen.

 

Wie bewerten Sie den Austausch mit der regionalen Wirtschaft, wo gibt es Anknüpfungspunkte, wo positive Beispiele, wo ist Nachholbedarf?

Projekte wie das Testfeld Niedersachsen belegen, dass die Kooperation mit der regionalen Wirtschaft sehr gut funktioniert.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem anliegenden Flughafen, wie bewerten Sie die Entwicklung dort zum Forschungsflughafen?

Die Zusammenarbeit mit dem Flughafen ist gut und für uns überaus wichtig. Wir befinden uns regelmäßig in engem Austausch hinsichtlich geplanter Infrastrukturen und der gemeinsamen Ausnutzung von Potenzialen, um den Standort weiter voran zu bringen. Die Entwicklung des gesamten Forschungsflughafens bewerte ich überaus positiv. Hier sind in den letzten zwei Dekaden viele Dinge entstanden, die den Standort sowohl inhaltlich als auch von seiner äußeren Wahrnehmung ganz anders wirken lassen. Bespiele dafür sind die Ansiedlung des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik (NFF), das Niedersächsische Forschungszentrum für Luftfahrt (NFL) mit seinem Exzellenzcluster zur nachhaltigen und umweltverträglichen Entwicklung des Luftverkehrs, das Lilienthalhaus und die Neugestaltung des Lilienthalplatzes. Das DLR ist in diesem Zeitraum von etwa 800 auf rund 1200 Mitarbeitende gewachsen ist. In den nächsten Jahren planen wir auf unserem Gelände weitere Investitionen, die die Standortentwicklung noch einmal maßgeblich vorantreiben.

 

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Meinen Führungsstil würde ich als kooperativ beschreiben. Ich selber bin sehr sach- und zielorientiert und lege sehr viel Wert auf einen respektvollen Umgang miteinander. Das Agieren im Team steht dabei für mich immer im Vordergrund.

 

Was fasziniert Sie persönlich an der Forschung, was begeistert Sie an Ihrem Job?

An der Forschung fasziniert mich, dass sie thematisch der Zeit immer ein Stück voraus ist. Meine Aufgabe sehe ich insbesondere darin, den Instituten und Einrichtungen zu ermöglichen, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren und Ihnen dafür die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

 

Was würden Sie sich künftig für die Region wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Ich würde mir wünschen, dass wir verkehrsträgerübergreifend die Vorzeigeregion für vernetzte und nachhaltige Mobilitätsformen werden.