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Im Gespräch mit… Wendelin Göbel

Sehr geehrter Herr Göbel, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für ein Gespräch mit uns nehmen. 

 

Sie sind seit 1987 für den Volkswagen-Konzern tätig, zuletzt waren Sie Personalvorstand bei Audi. Warum hat es Sie jetzt wieder in die Region verschlagen. Haben Sie besondere Verbindungen und was macht die Aufgabe bei Wolfsburg AG und der Allianz für die Region für Sie spannend?

 

Ich kenne die Region seit 1984. Beim Volkswagen-Konzern war ich in verschiedensten Funktionen tätig. Ich habe immer sehr gerne in der Konzernzentrale gearbeitet und erinnere mich insbesondere an die Zeit im Bereich Beschaffung in den 90er Jahren. Neben Volkswagen durfte ich damals auch die Region in all ihren Facetten kennenlernen. Es hat mir immer Spaß gemacht. Ich denke beispielsweise an die alljährlich wiederkehrenden Ereignisse wie Stadtgeburtstage, den Gemeinschaftspreis, Sportereignisse und viele Engagements des VW-Konzerns in Wolfsburg und der Region

 

Mich reizt die Vielfalt der Region in allen Bereichen. Das spiegelt sich auch in der Arbeit der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG wider. Gemeinsam etwas für die Region zu bewegen, Kräfte zu bündeln und die wichtigsten Themen zusammen anzugehen, finde ich spannend. Deshalb musste ich nicht lange überlegen und bin Ende 2020 in die Region zurückgekehrt.

 

Wie sieht bei Ihnen aktuell ein typischer Arbeitstag aus? Und was hat sich vielleicht in der Corona-Zeit verändert? 

 

Traditionell beginne ich meinen Tag sehr früh mit einer ausgiebigen Zeitungslektüre. Ich lese die Wolfsburger Allgemeine Zeitung, die Wolfsburger Nachrichten und Braunschweiger Zeitung schaue selbstverständlich auch in den Donaukurier, die Tageszeitung aus meiner bayerischen Heimatregion. Anschließend widme ich mich meinem meist gut gefüllten E-Mail-Postfach. Ich möchte wissen, was im Unternehmen und in der Region los ist.

 

Durch Corona hat sich mein Alltag genauso verändert, wie bei allen anderen auch. Ich lernte die Vorzüge, aber auch die Herausforderungen kennen. Sicherheit, Hygiene, die Umstellung auf rein digitale Arbeitsmittel und alle anderen Corona-Einflüsse standen plötzlich im Vordergrund. Das war schon spannend: egal ob zuhause oder im Büro. In diesen Zeiten beruflich in eine neue Umgebung zu wechseln ist besonders herausfordernd.

 

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

 

Ich würde mich als Teamplayer und Netzwerker bezeichnen und lege viel Wert auf einen intensiven Austausch mit meinen Vorstandskollegen und dem Betriebsrat. Genauso wichtig sind für mich die Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um ein gemeinsames Verständnis über Zielsetzungen und Notwendigkeiten zu erlangen.

 

Wie nehmen Sie in der Region den Fachkräftemangel wahr, muss man neue Wege gehen, um noch genügend Aufmerksamkeit zu erreichen? 

 

Ich erlebe den Fachkräftemangel in verschiedensten Bereichen, neben der Industrie vor allem in Handwerks-, Pflege- und vielen weiteren Berufen. Unser Ziel ist es, alle regionalen Arbeitgeber bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften bestmöglich zu unterstützen. Die gute Vernetzung ist dabei ein Vorteil. Netzwerke wie das Fachkräftebündnis oder der neue Arbeitskreis zum Thema Transformation, der einen umfassenden Überblick über die Aktivitäten in den Betrieben und Institutionen hat, machen auf Mängel und Notwendigkeiten beispielsweise in den Bereichen Aus- und Weiterbildung aufmerksam, zeigen aber auch Lösungen auf.

 

Mit unseren Projekten und durch die intensive Zusammenarbeit mit Industrie und Verbänden reagieren wir auf individuelle Bedarfe und beschreiten dabei gemeinsam auch immer wieder neue Wege.

 

Wie nehmen Sie die Veränderungen bei VW wahr, die klare Präferenz für Elektromobilität und was kann das für die KMUs in der Region bedeuten?

 

Die klare Präferenz für die Elektromobilität ist meines Erachtens wichtig für die Marktführerschaft in diesem Bereich. Da ist Volkswagen auf einem guten Weg. Mittel- und langfristig sind damit andere Themen wie Nachhaltigkeit, CO2-Emissionen und Klimaziele verbunden, denen sich der Konzern verpflichtet hat und wo er eine Vorreiterrolle einnimmt. Mit dem Engagement von MAN E.S., einer wichtigen Konzernmarke, zeigt der Konzern, dass er auch andere Technologien wie den Wasserstoff nicht außer Acht lässt.

 

Diese Vielfältigkeit und das Voranmarschieren im Bereich Batterietechnologien und Software eröffnet für verschiedenste Branchen in der Region gute Anknüpfungspunkte für die Beteiligung an wichtigen Zukunftsthemen.

 

Läuft die Region Gefahr abgehängt zu werden und wie schwer wird es in Zukunft aus Ihrer Sicht für die vielen Zulieferer, die auf Verbrennungsmotoren ausgelegt sind?

 

Wir werden nicht abgehängt. Die Automotive-Kompetenz ist in unserer Region stark verankert und zukunftsorientiert. Genau wie Volkswagen setzen auch Zulieferer und Forschungseinrichtungen und auf Elektromobilität und weitere Zukunftstechnologien. Wichtig ist aber, dass wir hier konsequent am Ball bleiben und die nächsten Jahre intensiv nutzen, um die Transformation von Verbrennungstechnologien hin zu Elektromobilität und weiteren Technologien selbst zu gestalten.

 

Was fasziniert Sie persönlich an Ihrer Tätigkeit, was begeistert Sie an Ihrem Job – bei der Wolfsburg AG und der Allianz für die Region?

 

Die Vielfältigkeit in den Themen und die regionalen Player faszinieren mich, vom Weltkonzern bis zu den kleinen und mittleren Unternehmen. In der Wolfsburg AG beeindruckt mich vor allem das jahrzehntelange erfolgreiche Zusammenspiel von Volkswagen und der Stadt in einen Public-Private-Partnership, immer das Wohl der Beschäftigten und Bewohner einer Region vor Augen. Bei der Allianz für die Region sind es die zahlreichen Netzwerke, die unermüdlich die Zukunftsfähigkeit der Region thematisieren und gemeinsam Lösungen auf den Weg bringen, um bestmögliche Zukunftsperspektiven zu schaffen.

 

Was gefällt Ihnen ganz persönlich an der Region?

 

Das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft – über Parteien, Branchen und Unternehmensgrößen hinweg. Und natürlich die vielen kulturellen und landschaftlichen Highlights. Die Tipps dazu finde ich oft auf unserem Regionalportal die-region.de, das Bürgerinnen und Bürgern aber auch Gästen hilft, diese Region in ihrer Vielfalt noch besser kennen und schätzen zu lernen.

 

Corona ist weiterhin eines der zentralen Themen unserer Gesellschaft, auch wenn die Zahlen endlich sinken. Was sind aus Ihrer Sicht die langfristigen Folgen für die Wirtschaft?

 

Corona hat aus meiner Sicht in Wirtschaft und Politik schonungslos verschiedene Defizite aufgezeigt, vor allem in den Bereichen Digitalisierung sowie Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen. Nun wäre es sinnhaft, dass die vielen konstruktiven Vorschläge aus Unternehmen und Verbänden, die die Wege aus der Krise aufzuzeigen, gehört und, da wo es notwendig ist, auf den Weg gebracht werden.

 

Hatten Sie Verständnis für die konkreten Regelungen der Politik, was hätten Sie sich vielleicht anders gewünscht?

 

Hier geht es mir vermutlich wie den meisten von uns: Vieles habe ich verstanden und akzeptiert. Gewünscht hätte ich mir eine noch konkretere Ursachenforschung und eine zielgerichtetere Ableitung von konkreten Öffnungsmaßnahmen.

 

Glauben Sie, dass die Corona-Krise langfristig Änderungen bei Ihnen im Unternehmen ergeben könnte, auch was das Zusammenkommen von Menschen betrifft?

 

Wie die Menschen wieder zusammenkommen, um beispielsweise die coronabedingt fehlenden sozialen Kontakte aufzufrischen und zu erhalten, wird eine Herausforderung sein. Ich hoffe, dass der immer wieder geforderte Zusammenhalt der Gesellschaft nach Corona sich auch positive Auswirkungen auf die Zusammenarbeit in den Unternehmen auswirkt. Sicher ist, dass wir in die Büros zurückkehren, jedoch dabei das mobile Arbeiten öfter als zuvor in unseren beruflichen Alltag integrieren.

 

Corona hat natürlich auch die physischen Netzwerke lange behindert, fehlt Ihnen da etwas oder konnten Sie viel in virtuellen Konferenzen auffangen?

 

Sehr überraschend war für mich, wie viel virtuelle Formate tatsächlich auffangen können. Allerdings war es dort, wo persönliche Begegnungen von grundlegender Bedeutung sind oder bei der Anbahnung neuer Projekte, Kontakte und Netzwerke schon hinderlich. Das haben wir bei der Allianz für die Region konkret im Projekt Betriebsnachbarschaften gespürt, wo der Projektauftakt kurz vor dem ersten Lockdown stattfand.

Etwas schwierig war es anfangs in der virtuellen Umgebung, Stimmungen einzuschätzen, um darauf adäquat eingehen zu können.

 

Wie bewerten Sie den Austausch mit der regionalen Wirtschaft? Wo gibt es Anknüpfungspunkte? Wo positive Beispiele? Wo ist noch Nachholbedarf? 

 

Der Austausch der regionalen Wirtschaft ist sehr gut. Das zeigen auch Unternehmensverbände wie der Arbeitgeberverband, die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht eine branchenübergreifende Zusammenarbeit, wenn es beispielsweise um die digitale Transformation geht. Hier sind wir gemeinsam stärker und einflussreicher.

 

Ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Region ist es, neben den großen Städten auch die ländlichen Gebiete zum Beispiel beim Thema Netzabdeckung und -verfügarkeit mitzunehmen. Das ist wichtig, um wir die Region als industrielles Zentrum von Niedersachsen und Deutschland weiter zu stärken. Dafür sind auch die aktuellen und künftigen Infrastrukturprojekte von enormer Bedeutung.

 

Was würden Sie sich künftig für die Region wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

 

Nur einer? Mir fallen gerade drei Wünsche ein: Die schnellst- und größtmögliche Netzabdeckung oder Breitbandausbau, die Ausstattung von Schulen und Bildungsstätten mit dem für digitales Lernen notwendigen Equipment und das gemeinsame Verständnis, dass für eine klimaneutrale Industrie auch weiterhin Investitionen in Zukunftstechnologien, aber auch Infrastrukturprojekte notwendig sind.

 

Foto: Allianz für die Region GmbH/Matthias Leitzke