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Im Gespräch mit… Wolfgang Niemsch

Wenn Wolfgang Niemsch einen Einblick in seinen Lebensweg gibt, dann hat man schnell das Gefühl, dass die Erfahrungen und Erlebnisse gleich für mehrere Leben reichen: Präsident von NiedersachsenMetall, 18 Jahre Verhandlungsführer der Arbeitgeber als Gegenpol zur IG Metall, Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbandes Region Braunschweig e.V., erfolgreicher Springreiter und Pferdezüchter, geschäftsführender Gesellschafter von Lanico, Macher und Kämpfer für den Mittelstand.

Ähnlich abwechslungsreich ist auch die Geschichte von Lanico. Das Unternehmen feiert 2019 sein 100-jähriges Bestehen. Die Jubiläumsfeier fand bereits Ende August statt; mit Ponyreiten, Live-Musik und Autoscooter wurde ein großes Sommerfest auf dem Firmengelände veranstaltet.

„Ohne unsere Mitarbeiter wären wir nicht in der Position in der wir aktuell sind. Deshalb war es auch ein Dankeschön an die Belegschaft.“ Mit unseren Kunden werden wir im kommenden Jahr im Mai noch einmal einen Jubiläums-Nachfeier machen.“, so Niemsch. Im Gespräch mit dem AGV verriet er zudem einiges über die Entwicklung von Lanico zum Weltmarktführer in Sachen Spraydosen.

Großes Jubiläumsfest

Die Eintragung der Firma Lanico in das Braunschweiger Handelsregister erfolgte im September 1919. Seit der Gründung fertigt man Maschinen für die Blechpackungs- und Konservenindustrie und ist heute einer der weltweit führenden Hersteller von Anlagen zur Herstellung von technischen Packungen. Insbesondere im Bereich der Aerosol- und Vierkantdosenherstellung gehört das Unternehmen zu den marktführenden Lieferanten von Einzieh-, Bördel- und Verschließmaschinen.

Lamprecht, Niemsch und Co.

Ursprünglich wurde die Firma nach den Gründern Lamprecht, Niemsch und Co. benannt, kurze Zeit später wurde aus den Anfangsbuchstaben der eingängige Firmenname Lanico. Ausgezeichnet hat das Unternehmen seit jeher die Durchsetzungsfähigkeit und der Anspruch, immer neu zu denken, innovativ zu sein und dabei künftige Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Bereits Großvater Otto Niemsch glänzte durch seine Hartnäckigkeit. Als einige Jahre (1929) nach der Gründung die Weltwirtschaftskrise zuschlug, lud er kurzerhand handbetriebene Dosenverschließmaschinen auf einen Dreirad-Lieferwagen und fuhr nach Ostpreußen, wo die Wirtschaft noch florierte. „Alle 3-4 Wochen kam er zurück, lud rund 20 neue Maschinen auf und verkaufte diese wieder. So ging das eine ganze Zeit. Ohne diesen Einsatz wäre die Firma vermutlich heute nicht mehr da.“, verrät Niemsch. 

Immer die Trends sehen und schnell sein

Das schnelle und pragmatische Handeln hat man sich bis heute erhalten. Genauso wie die ständige Suche nach neuen Ideen das Unternehmen prägt. Gern entwickele man dabei neue Produkte und Verfahren direkt mit den eigenen Kunden zusammen. Und man stellte sich auch stets unangenehmen Fragen und Innovationen, die auch schon mal das eigene Geschäft gefährden oder umkrempeln konnten.  So wurde auf Markttrends immer schnell reagiert und Wolfgang Niemsch weiß zu sagen: „Das haben wir in der Vergangenheit immer sehr gut hinbekommen, schnell und gut zu liefern.“  

Beispiel gefällig: Rund 60 Konservenfabriken gab es im regionalen IHK-Bezirk Mitte der sechziger Jahre – heute ist es noch eine Firma. „Der Gemüse- und Obstanbau wanderte nach Südeuropa ab, so dass dieser Bereich wegfiel. Diese Entwicklung zu sehen und rechtzeitig Maschinen  für die Dosenhersteller zu entwickeln, für die Blechverpackungsindustrie, das war die Weitsicht, die der Firma auch dort wieder zu Erfolg verholfen hat.“

Sprung in das Eisloch

Wolfgang Niemsch selbst kam 1981 völlig überraschend in das Unternehmen. „Das war schon kein Sprung ins kalte Wasser, sondern eher in ein Eisloch.“, verrät er. Eigentlich war sein Plan nach dem Studium nach Philadelphia zu gehen. Er hatte bereits alles abgemeldet und lebte übergangsweise in einem Wohnwagen von Freunden auf Sylt. Dann verstarb bei Lanico der damalige Verkaufsleiter. Kurzfristig wurde Ersatz gebraucht. Es brauchte einen, der die Produkte kennt, der Fremdsprachen sprach und auch kaufmännisches Verständnis hatte. Die Wahl fiel auf Niemsch Junior, das USA-Projekt wurde abgeblasen und Niemsch war mittendrin. 

Nah am Kunden

Sein Vorteil bestand darin, dass er durch die Arbeit in den Semesterferien die Maschinen bereits hervorragend kannte und er zudem bei Soudronic und Karges-Hammer in der Fertigung die Gesamtkomplexität in Ausfhilfsjobs kennengelernt hatte. „Ich kannte mich in dem Geschäft schon gut aus, was natürlich sehr half, wenn dann der direkte Kontakt mit dem Kunden zustande kam“, verrät Niemsch. So behob er in einer Produktion in Thailand einen Fehler in der Mitnehmerkette oder brachte die eigenen Maschinen auf einer Messe in Vietnam zum Laufen.

Heute stehen die Lanico-Geräte in über 100 Ländern. Weltweit gibt es Vertretungen, die im Laufe der Jahre durch das breite Netzwerk des Unternehmers aufgebaut werden konnten. Die Kommunikation über das Internet vereinfache die Koordination natürlich sehr. Angefangen habe er mal mit Lochstreifen, da habe sich zum Glück einiges getan, so Niemsch.

Was kommt, was bleibt?

Aktuell stehe besonders die Neuentwicklung im Bereich Industrie 4.0 im Vordergrund, wenn es um Zukunftsthemen geht. „Das Thema Predictive Maintenance, Vernetzung mit vor- und nachgelagerten Produktionsmaschinen – das ist ein zentraler Schritt. So können am Ende des Tages Produktionsketten viel effektiver gestaltet werden. Der Bediener weiß schon am Morgen, wann er Leerlauf hat und bekommt dann zum Beispiel Wartungsvorschläge für diese Zeiten.“ In diesem Zusammenhang hat man kürzlich die Lanico Digital Solution GmbH gegründet, die diese Themen voran treibt. Natürlich sei das auch ein Signal nach draußen: „Wir gründen hier ein Unternehmen, das sich mit Technologien der Zukunft beschäftigt, das stärkt am Ende des Tages auch die Hauptmarke.“ 

Daneben seien auch Vierkant-Dosen wieder auf dem Vormarsch und lösen vielfach Kunststoffbehälter ab. Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit habe auch hier zu Veränderungen geführt. Typisch für Lanico hatte man dazu natürlich noch eine Idee in der Schublade, die man aktuell zur Marktreife bringen will. Weiterhin forscht man an Material-Einsparungen. „Dünneres Blech ist immer ein Thema. In den letzten fünf Jahren konnten wir den Kunden die Möglichkeit geben, bis zu 30 Prozent Material einzusparen“, berichtet Niemsch. 

Viel zu tun – also anpacken

Die zukünftigen Herausforderungen seien dabei vielfältig: „Die Maschinen werden immer leistungsstärker, aber die Kompetenz der Bediener steigt nicht mit. Vor 30 Jahren wurden die Maschinen von Facharbeitern bedient. Heute, mit einem viel höheren Anspruch, stehen leider viel zu häufig Laien an den Anlagen – auch damit muss man sich auseinandersetzen. Die Schere darf nicht zu weit auseinandergehen.“, findet der AGV-Vorstandsvorsitzende. Die Wirtschaftswelt werde immer unsicherer, die klassischen Wellenbewegungen gäbe es in der Form nicht mehr. Die Geschwindigkeit von Hochs und Tiefs nehme zu. Dies sei natürlich auch für die Firmen und die Mitarbeiter eine enorme Herausforderung. „Wir müssen versuchen, gemeinsam mit den Sozialpartnern einen Weg zu finden, wie wir diese Herausforderungen abfedern können. Das hat nichts mit Hire- und Fire-Mentalität zu tun. Das wünsche ich mir in keinem Fall, aber wir müssen gemeinsam Lösungen erarbeiten, die der Schnelllebigkeit und Umbrüchen besser gerecht werden.“, befindet er. 

Dass starre Arbeits- und Rentenzeiten nichts für ihn sind, beweist er an der eigenen Person. Arbeiten möchte Wolfgang Niemsch, solange es ihm Spaß macht. Und das sei absolut noch der Fall. Man müsse natürlich auch in der Lage sein, die technischen Zusammenhänge weiterhin zu verstehen. Glücklicherweise sei er in dem Bereich schon immer interessiert und informiert, deshalb gäbe es aktuell für ihn keinen Grund komplett auszusteigen. Ein großes Plus ist dabei, dass auch seine Söhne mit im Familienbetrieb arbeiten. „Ich bin darauf sehr stolz, dass wir so ein hohes Familienbewusstsein haben. Daran hat gerade meine Frau einen sehr großen Anteil. Jeder hat seinen Bereich und natürlich gibt es auch einmal Meinungsverschiedenheit, aber am Ende des Tages ziehen alle an einem Strang und würdigen die Arbeit des Anderen. Das funktioniert wirklich toll.“ 

Auf dem Rücken der Pferde

Und als wäre das nicht genug, setzt er sich als Pferde-Züchter auch gerne noch einmal selbst auf das hohe Ross, unterstützt seine Tochter beim Springreiten und spielt auch hin und wieder eine Partie Golf. „Meine Familie würde sagen, dass es sicherlich mehr Freizeit sein könnte, aber ich bin so ganz zufrieden.“, schmunzelt er.

Stark für den Mittelstand

Ein echter Glücksfall ist Niemschs Engagement auf allen Ebenen. Auch für den Arbeitgeberverband Region Braunschweig e.V.  Hier wurde Wolfgang Niemsch kürzlich für weitere zwei Jahre zum AGV-Vorstandsvorsitzenden gewählt. Warum er sich so intensiv engagiere? „Es macht einfach Freude, die Dinge mitgestalten zu können, weil man merkt, dass man etwas positiv gestalten kann.“, sagt er. So hat es ihn zusätzlich in die Präsidenten-Positionen von NiedersachsenMetall geführt. Zudem war er rund 18 Jahre Verhandlungsführer gegenüber der IG Metall. „Mit dem Einstieg von Volker Schmidt sah ich unglaubliche Chancen, weiter mitzugestalten und wirklich etwas zu bewegen. So kam das Präsidenten-Amt dazu.“, sagt Niemsch. Aktuelles Beispiel sei die Vorlage zur F&E Förderung für den Mittelstand, die ohne die intensive Verbandsarbeit so sicherlich nicht im Bundesrat gelandet wäre. Eins ist scheinbar sicher: Wolfgang Niemsch wird auch künftig für den Mittelstand kämpfen, damit die Stimme der Wirtschaft Gehör findet.