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Richard Borek im Interview: „Wir brauchen einen Startup-Pakt“

In 54 Stunden einmal ins Silicon Valley und zurück und das für weniger als 50 Euro, angesagte Speaker aus dem Startup-Umfeld und kreative Köpfe aus der Region im gemeinsamen Austausch – bei borek.digital gehört alles mit dazu und doch ist es noch so viel mehr. Aber der Reihe nach. Wie kommt man darauf, Startup Weekends, Web-Montage, Pitch Nights und ein Accelerator-Programm an einen Münz- und Briefmarkenhändler mit mehr als 125 Jahren Tradition anzudocken und das Ziel zu verfolgen, in der Region einen Startup-Hotspot anzuschieben? „Den einen zentralen Grund dafür gab es nicht“, sagt Geschäftsführer Richard Borek jr. schmunzelnd, aber viele verschiedene Aspekte, die ihn zum Handeln bewogen haben. Ein Punkt sei sicherlich der eigene Lebenslauf, der auch geprägt ist durch die Auseinandersetzung mit E-Commerce und der Notwendigkeit, die traditionsreiche Unternehmensgruppe Richard Borek aus der Löwenstadt zukunftssicherer aufzustellen. Dazu kam aus Sicht des Geschäftsführers eine mangelnde Wertschöpfung aus dem IT-Expertenkreis der Region und viel zu wenig Bewegung im Startup-Bereich. „Viele Fachkräfte verlassen die Region gerade im IT-Sektor, auch weil nicht genug spannende Themen in der Region gibt. Aus dem Wunsch, mein eigenes Netzwerk zu vergrößern und die Region nachhaltig zu stärken, ist die Idee zu borek.digital entstanden.“ 2015 fand er in diesem Zusammengang mit Prof. Reza Asghari vom Entrepreneurship HUB der TU Braunschweig einen passenden Mitstreiter und alles nahm Fahrt auf. „Der Kern der Idee war schon, dass ich der Stadt etwas zurückzugebe, eine Kultur fördere, aus der hoffentlich erfolgreiche Gründer hervorgehen, die mittelständische Firmen entwickeln, die dann wiederum auch gut für die Region sind und der Gesamtentwicklung gut tun.“

„Wir unterstützen aktiv die Gründerszene“

Was aber genau ist borek.digital heute? „Wir unterstützen aktiv die Gründerszene der Stadt, wollen gute Ideen voranbringen und zur Marktreife führen. Daneben können wir im IT-Bereich ein gutes Netzwerk anbieten, eine Share-Plattform, einen Ort, an dem man sich austauschen kann.“ Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Accelerator-Programm, das mittlerweile in der vierten Runde ist. „Pro Halbjahr werden bis zu sechs ausgewählte Startups drei Monate von uns gefördert. Das Programm ist in drei Phasen aufgeteilt: Bootcamp, Acceleration und Exit-Presentation. Beim ersten Mal sind wir mit vier Bewerbungen gestartet, nun sind es bereits 18. Die Themen werden besser, die Produktpalette wird breiter, wir sind auf dem richtigen Weg“, befindet Borek. Die aktuellen Kandidaten: Amberskin ist eine vegane Lederalternative auf Basis einer Pilzkultur. Die Codenauten bringen Schülerinnen und Schülern die Kunst des Programmierens spielerisch näher. Mit FitSpotz werden Sportkurse flexibel buchbar gemacht. Mit dem elektronischen Baukasten von Mexdulon wird Digitaltechnik einfach begreifbar, weMake ist eine mobile Share-Economy-Plattform zum Teilen von Fähigkeiten und woze entwickelt Brillengläser, die nicht beschlagen.

Die aktuellen Teilnehmer am Accelerator-Programm mit ihren Coaches 

Intensive Betreuung auf allen Ebenen

In der ersten Woche wird im Co-Working-Space in der Theodor-Heuss-Straße 7 ein Startup-Bootcamp zur Entwicklung eines ersten Produkt-Prototyps angeboten. So werden zu Beginn sowohl Business Model Canvas als auch Ziele jedes Startups noch einmal gemeinsam kritisch hinterfragt, validiert und daraus Action Points inklusive Fahrplan für die nächsten 3 Monate entwickelt. Während dieser Zeit im Accelerator-Programm ist die Arbeit der Teams im bereitgestellten Co-Working-Space an dem vereinbarten Fahrplan vorgesehen. Dort kann an 7 Tagen in der Woche 24 Stunden gearbeitet werden. Um zeitnah Überdurchschnittliches zu erreichen, enthält das Programm folgende Elemente: Interne Learning Meetings (wöchentlich), Scrum Meetings – (zweiwöchentlich), Jour Fixes – mit persönlichen Mentoren aus der Gründerszene, Experten-Workshops zu praktischen Fragestellungen (z.B. Business Model Canvas, Finanzierungs- oder Steuerthemen), Persönlichkeitsentwicklung und Teambuilding. Zusätzlich gibt es ein Marketing-Budget in Höhe von 3.000 €. Die Abschluss-Präsentationen der Teams vor dem Pitch Panel, dem Organisations-/Coachingteam und den anderen Teams findet dann bei Norddeutschlands größter Pitch Night bei borek.digital statt. Hierzu werden Venture Capital Investoren und Business Angels eingeladen, erklärt der Geschäftsführer das Modell. „Es geht mir darum, Menschen anzuregen, über eine Selbständigkeit nachzudenken. Die Themen der Digitalisierung (wie künstliche Intelligenz, Internet of Things, etc.) werden viele etablierte Wertschöpfungsprozesse vereinfachen. Das gilt meines Erachtens auch für die Forschungsbereiche. Diese großen Veränderungen führen zu einem großen Schwung an Ideen und Produkten – dafür bedarf es nun außerordentlicher Unterstützung. Momentan haben wir einen viel zu geringen Output an Gründungen aus den Universitäten, wir müssen einfach die Anzahl erhöhen“, erklärt er das Vorhaben.

„Hier sitzen 150 junge Menschen beim Briefmarken-Borek“

Ganz ohne Eigennutz sei das Thema natürlich auch nicht: „Es ist doch cool, wenn ich sagen kann, hier sitzen 150 junge Menschen beim Briefmarken-Borek und interessieren sich für unsere Themen, sei es der Web-Montag, eine Keynote, die Pitch Night oder das Startup Weekend – das gibt uns auch in der Außenwahrnehmung einen Schub. Dazu kommen der Mehrwert und die Motivation für unsere eigenen Mitarbeiter. Wir haben viele interne Mentoren, die sich aktiv einbringen, freiwillig, neben der eigentlichen Arbeit. Das hat auch noch einmal einen neuen Drive in das Unternehmen gebracht.“ Zudem habe die Arbeit mit den Startups auch noch einmal den eigenen Fokus geschärft – „Startups müssen immer den Kunden an erste Stelle setzen, das geht größeren Unternehmen häufig im Laufe der Jahre verloren. Die Startups haben aber keine Zeit, sie müssen schnell sein, sonst sind sie pleite. Aufgrund des limitierten Budgets müssen sich Startups klar für oder gegen Schritte entscheiden und schnell Ergebnisse liefern. Für ein Startup ist ein Tag an dem nichts gelernt wurde ein verlorener Tag.“ Das seien alles Aspekte, die nun auch wieder stärker im Kernunternehmen wahrgenommen werden, zur Geltung kommen und durchaus helfen würden.

Beim Design-Thinking Workshop

Vom Stürmer zum Trainer

Generell sei es durch die Digitalisierung so, dass man sich immer flexibler anpassen müsse, da helfen aus Boreks Sicht neue Sichtweisen enorm. „Ich muss mich als Führungsperson vom Stürmer oder Spielertrainer zum Trainer entwickeln. Anstatt Expertenwissen selber zu entwickeln, ist die Aufgabe der zukünftigen Führungskräfte ihre Mitarbeiter erfolgreich zu machen ohne eigenes Expertenwissen  aufzubauen. Um dies zu erreichen, müssen Führungskräfte ihr Verhalten verändern, ihre Mitarbeiter anders motivieren, Fragen stellen, andere Hebel in Bewegung setzen. Das ist schon eine neue Eigenschaft, die man sich aneignen muss. Gleichzeitig gelten insbesondere im mittleren Management die alten KPIs nicht mehr, man braucht neue Kennzahlen. Das alles ist schon ziemlich herausfordernd“, befindet Borek. Natürlich müsse nicht jeder ein Accelerator-Progamm bei sich starten, um den Herausforderungen gerecht zu werden. „Ich denke aber, dass man sich stetig weiterbilden muss, sei es durch Keynotes, Bücher oder Podcasts – und dann muss man den Mitarbeitern glaubhaft machen, dass die Führungsmannschaft hinter dem Wandel steht, immer alle mitnehmen und ganz wichtig: Sich immer wieder Feedback abholen.“

Volles Haus bei der Pitch-Night

Borek selbst findet, dass das Startup-Thema regional intensiver wahrgenommen wird, aber dennoch sei durchaus Luft nach oben. „Die Ausgründungen aus der Uni liegen irgendwo bei 0,1 Prozent, wir in der Region können aber so viel mehr. Wir brauchen meiner Meinung nach eine übergeordnete Strategie, wie wir mit dem Thema Gründung umgehen wollen, einen engeren Austausch mit den Bildungseinrichtungen, Schulen, weiterbildenden Bereichen und Hochschulen. Bevor Interessenten erfahren, was es gibt, müssen wir erst einmal das Interesse wecken. Das kann aus meiner Sicht nur durch Kooperationen entstehen – Regionen und Hochschulen müssen enger zusammenrücken, einen Pakt eingehen, dann kann das eine Keimzelle sein.“ Man habe auch nichts zu verlieren, wenn man mit den anderen Oberzentren enger zusammenarbeiten würde. „Wir können uns auch auf einzelne Kompetenzen festlegen und in diesen Nischenthemen weltführend werden, auch das ist eine Chance.“, findet Borek. Dazu müssten aber auch die Netzwerke stärker werden. Momentan sei der Mittelstand aus seiner Sicht kaum mit den Hochschulen und den Startups vernetzt. „Wenn es etwas braucht, dann jemanden, der den Prozess organisiert, die Menschen müssen verbunden werden – dann kann auch mehr Output entstehen und dann können wir die nächsten Schritte machen. Ein solcher Startup-Pakt könnte helfen, schneller und effizienter etwas zu bewegen.“

Die nächsten Termine von borek.digital:

22.03.2019, 17:30 Uhr: UNIcorn Night – Design Thinking.

03.04.2019, 17:00 Uhr: Öffentlicher Vortrag von Eckard Wohlgehagen

26.-28.04.2019: Startup Weekend mit anschließender Pitch Night 

Der nächste borek.digital Accelerator findet vom 22.07. bis 18.10.2019 statt. Bewerbungen sind noch bis 04.06. unter startup@borek.de möglich.