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Selbstführung, Mitarbeiterführung und Unternehmenssteuerung in Zeiten der Corvid-19 Pandemie aus Sicht einer Arbeitspsychologin

Wer in der Krise gute Führungsarbeit für das Team und das Unternehmen leisten will, sollte mit einer reflektierten Selbstführung beginnen. Warum die Krise von dort aus viele Chancen bietet und eine starke Unternehmenskultur sich gerade jetzt auszahlt beschreibt Dipl. Psychologin, Dagmar Neumann in diesem Beitrag für den AGV.

 

Große, unausweichliche Veränderungen haben Phasen: Schock bzw. Überraschung, Verneinung, Einsicht, Akzeptanz, Ausprobieren, Erkenntnis und Integration. Wir sind mittendrin je nach persönlichem Verarbeitungsstand zwischen Phase 2 und 4. Die Transformation ist in vollem Gange. Das Alte hat aufgehört. Das Neue hat sich noch nicht etabliert und verleiht wieder Sicherheit. Die Phase dazwischen ist der Raum der Möglichkeiten, in dem wir gestalten können. Unser Gestalten in der Gegenwart bestimmt, in welcher Zukunft wir leben werden. Daher ist es von Bedeutung, wie wir die Gegenwart jetzt erleben und gestalten.

 

Wie wir jetzt agieren, ist subjektiv sehr unterschiedlich. Abhängig ist das von unseren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, mit uns selbst in großem Stress umzugehen und unsere Energie zu regulieren. Objektiv erleben wir die grundlegend in uns angelegten natürlichen, biologisch sinnvollen Stressreaktionen fight, flight oder freeze.

 

Die einen spalten die Emotionen eher ab und gehen pseudorational mit der Situation um: „Es muss weiter gehen“, ohne sich mit den eigenen Reaktionen zu beschäftigen. Die anderen erliegen ihrer Untergangsangst und wollen von anderen gerettet werden. Die Dritten glauben, mit Aussitzen die Krise bewältigen zu können.

 

Grundsätzlich sind das Lösungsmöglichkeiten, die Frage ist, wie sinnvoll und nachhaltig das sein wird. Die individuelle, psychische Ausformung hängt von unseren jeweiligen, subjektiv erlernten, zu Strategien gewordenen, durch Erfolg bestätigten Reaktionen ab.

 

Alle Maßnahmen, die die eigene Resilienz und die der Anderen unterstützen, sind hier unterstützend. Wenn sie uns aus der Reaktivität hin zu proaktivem Handeln führen, das wir als sinnstiftend erleben. Das können Themen im (digitalen) Coaching sein, die Reflektion eigener Themen oder Themen, in denen Sie selbst Ihre Mitarbeiter konkret begleiten können.

 

Grundsätzlich ist es hilfreich, diesen Themen Raum zu geben und sich auszutauschen, um ein Verständnis für Andere und ihre manchmal sehr anderen Reaktionen zu entwickeln. Das hat direkte Auswirkungen auf Ihre Handlungsfähigkeit.

 

Eine Landkarte, die der eigenen Ausrichtung in den unterschiedlichen Funktionen dabei dienen kann, ist das Führungsdreieck mit seinen 3 Feldern, gerade in der Krise. Es ist eine Orientierung, welche Themen jetzt eine in der Krise angepasste Aufmerksamkeit brauchen:

 

Im 1. Feld: sich selbst führen – Themen der Selbstreflexion und der Selbstorganisation sind gefragt. Die Selbstreflexion ist oben angesprochen. Dass Sie sich handlungsfähig und stabil fühlen, ist auch die Voraussetzung für Ihre Wirksamkeit in den weiteren Feldern.

 

Im 2. Feld: Mitarbeiter führen – bedeutet Mitarbeiter mit den Aufgaben, den Menschen und dem Unternehmen in Verbindung zu bringen. Haben Sie mit Ihren Mitarbeitern besprochen (nicht nur angeordnet) und vereinbart, wie Sie gerade zusammen arbeiten können? Was brauchen Sie voneinander und tut Ihnen gut und was ist eher hinderlich, um produktiv und effektiv zu sein? Welche Prozesse können Sie jetzt wie digital steuern? Wie passen Sie Ihre Mitarbeitergespräche an? Wie gehen Sie mit Konflikten um, mit denen vermehrt durch den psychischen und wirtschaftlichen Druck zu rechnen ist? Wie unterscheiden Sie, welche Themen Probleme auf der sachlichen Ebene waren, die, weil sie nicht gelöst wurden, auf die emotionale Ebene gerutscht sind – und nun als Konflikte ausgetragen werden. Die Differenzierung ist punktgenau notwendig, um gerade jetzt schnelle und effektive Lösungen erarbeiten zu können. Probleme und Konflikte brauchen ein jeweils anderes Vorgehen.

 

Im 3. Feld: das Unternehmen steuern – diese Krise ist eine große Chance, sich auf die wesentlichen Dinge zu beziehen: Die Rückbesinnung auf den Grund des eigenen wirtschaftlichen Handelns. Der Kurs des eigenen Handelns kann gegebenenfalls neu ausgerichtet werden – am Wesentlichen. Was ist die Relevanz des Beitrages des eigenen Unternehmens im gesellschaftlichen Kontext.

 

Die Ausrichtung der eigenen Strategie am tatsächlich vorhandenen essentiellen Kundennutzen ist der Erfolgsgarant und garantiert Nachhaltigkeit.

 

Auch der Beitrag der eigenen Unternehmenskultur zeigt sich hier sehr klar: Für Unternehmen, in denen Führungskräfte ihren Mitarbeitern vertrauen, dass sie produktiv sind, wenn sie im Homeoffice arbeiten, ist das Anpassen der Prozesse in der Krise einfacher. Führungskräfte, die auch digital in der Lage sind zu führen, sind die Führungskräfte der Stunde.

 

Für manche ist die Überwindung der eigenen Vorbehalte der Digitalisierung gegenüber, hier die Chance. Manche haben die notwendigen Prozesse, in unternehmenssensiblen, stabilisierenden Themen und Arbeitsbereichen zu digitalisieren, früh entschieden und umgesetzt. Das erweist sich jetzt als Wettbewerbsvorteil.

 

Eine weitere Chance der Krise aus meiner Sicht: Digitalsierung goes social. So wurden über ein Wochenende durch eine Digi-Initiative Programme geschrieben, durch die z.B. Krankenhäuser die Verfügbarkeit von Masken sichtbar machen können um entsprechende Schlüsse zu ziehen. Hier gibt es große Potentiale. Der Mindset dazu verbreitet sich gerade mehr.

 

Wie können wir also wesentlichen, nachhaltigen Nutzen in der Krise schaffen? Die Schranke im eigenen Kopf ist, wie sonst auch, der limitierende Faktor. Eine Beschäftigung damit lohnt sich. Wenn wir in der Corona-Krise auf die Gefahren angemessen reagieren und die enthaltenen Chancen nachhaltig ergreifen, können wir gemeinsam etwas Gutes gestalten. Zusammen. Jeder an seinem/ihren Platz in der eigenen Ver-Antwort-ung.

 

Bleiben Sie gesund, gutes Gelingen, viel Kraft und trotzdem auch ausreichende Entspannung.

Ihre Dagmar Neumann