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Welcher Führungsstil in der Krise notwendig ist

Die aktuelle Krise sorgt für zahlreiche Unsicherheiten im Team. Führungskräfte sind nun mehr denn je gefragt, ihren Mitarbeitern Halt und Orientierung zu geben und Motivation zu vermitteln. Doch wie gelingt das am besten? Und dann auch noch über die Distanz des Homeoffice? Hier finden Sie eine mögliche Antwort der Experten von Leadox; Zorana Dippl und Dr. Georg Martensen

 

Die Rolle von Führung im Krisenmodus

Krisen wecken unangenehme Gefühle, denen wir lieber ausweichen, sie nicht wahrhaben wollen oder im rastlosen Aktivismus nach einem Bewältigungsmodus suchen (wie z.B. das Hamstern von Toilettenpapier); manche finden ihren letzten Ausweg in einer Wut, die nach Schuldigen sucht und schlimmstenfalls sich gegen hilflose andere richtet. Unsere Verletzlichkeit verunsichert uns, und niemand bleibt unbeteiligt. Viele sitzen im Homeoffice oder werden auf Distanz geführt. Die Unübersichtlichkeit erzeugt den Wunsch nach Führungsstärke. Das erweckt den Reflex, dass eine Rückkehr zu rigiden und klaren Vorgaben erfolgversprechend wäre.

 

Wir sind vom Gegenteil überzeugt: Nur Führungskräfte, die sich in ihren eigenen Sorgen und Bedürfnissen und in ihrer Angst verstehen, können anderen jetzt Halt, Zugehörigkeit, Identität und Orientierung geben.  Das sind jene Führungskräfte, die aus ihrer inneren Haltung Autorität und Vertrauen erschaffen und nicht aus ihrer Position heraus. Die Covid-19-Krise rückt auf dramatische Weise die organisationale Vernunft von Ermutigung und Empowerment der Mitarbeitenden ins Licht. Gefragt sind Unterstützung zur Selbstverantwortung, das Vertrauen in Mitarbeitende, in deren eigene motivationale Kraft und in die Fähigkeit von Mitarbeitenden zur Selbstführung. Überzeugende Führung in der Krise versteht sich als Koordinator, Mentor, Sparringspartner und Coach. Überzeugende Führung glaubt an die Selbstmotivation ihrer Mitarbeitenden, strahlt Vertrauen aus, gewährt Freiräume und setzt konsequent auf fachliche Expertise. Dies sind die Kernelemente der Kompetenzverteilung innerhalb von Organisationen, die im Alltag erfolgreich hohe Risiken managen und dynamische Situationen bewältigen.

 

Der Mensch ist auf Verbundenheit ausgerichtet

Die Diskussion um die derzeitige Krise ereignet sich angesichts entleerender Hallen, Büros, steigender Zahl von Homeoffices und des erzwungenen Abstands in erforderlichen öffentlichen Räumen. Und der Einschränkung von Bewegungsfreiheit und unmittelbar körperlicher Nähe: Selbstredend sind wir als Menschen vor allem soziale Wesen und auf die Verbundenheit mit anderen ausgerichtet. Wer angesichts der Corvid-19-Krise weiterhin auf das Prinzip von „Command and Control“ setzt, wird es aber schwerer haben als andere, sich und andere gut durch die Krise zu führen, weil ihm plötzlich die unmittelbaren Instrumente der Disziplinierung und die körperliche Erfahrung der eigenen Positionsmacht fehlen. Und er wird aktuell große Probleme des Zusammenhalts und der emotionalen Bindung seiner Mitarbeitenden an das Unternehmen vorfinden. Eine vergleichbare Situation wie diese, haben wir noch nicht erlebt. Es braucht kreative Köpfe, die ihre Klugheit und Improvisationskraft entfalten können. Es braucht Menschen, die im Unternehmen eigene Entscheidungen treffen dürfen und die Herausforderungen entschlossen und eigenverantwortlich anpacken.

 

Zur Entfaltung dieser Kräfte, müssen Führungskräfte in der Lage sein, die Verantwortung für das Finden von Lösungen auf ihre Mitarbeitenden zu übertragen. Das funktioniert dann, wenn sie sich selbst zurücknehmen. Z.B. in der TelKo eher zuhören und andere aussprechen lassen. Emotionale Nähe und Anteilnahme sind nicht primär eine Frage der räumlichen Dimension. Wer glaubhaft interessiert ist daran, wie es dem anderen geht, wie er zurechtkommt, der schafft Verbundenheit.

 

Dann gelingt auch Führung auf Distanz: Wenn Mitarbeitende nicht nur in ihrer Funktionalität angesprochen werden, sondern auch als Person wahrgenommen werden; denn es geht um Beziehungsgestaltung auf Augenhöhe und mit Respekt füreinander:

 

  • Starkes Commitment entsteht durch Gewissheit,
  • gemeinsame Identifikation und
  • das Wissen darum, auch als Einzelner in der Organisation gesehen zu werden – insbesondere mit den Bedingungen und Herausforderungen, die den Einzelnen aktuell in der Coronakrise beschäftigen oder belasten.
  • Die Aufgabe von guter Führung besteht gerade jetzt darin, dass der Einzelne sich mit seinem Beitrag zur Gesamtleistung, der Performance des Unternehmens wiederfinden kann.
  • Auf diese Weise kann eine ganz fundamentale und fruchtbare Sinnerfahrung des Einzelnen in der eigenen Tätigkeit erlebt werden. Diese trägt gut durch, insbesondere auch durch schwierige Zeiten.

 

Und das geht auch „remote“: Viel wichtiger als die körperliche Anwesenheit von Führung und der Mitarbeitenden im Erleben, ist jetzt das Vertrauen in deren Verlässlichkeit. Dies lässt sich aktuell durch Hotlines, Homeoffice-Infrastrukturen, kollaborative Web-Tools und regelmäßige „Tele“-Kommunikation sicherstellen.

 

Zweifellos erleben viele Betroffene die Einschränkungen unserer Bewegungs-Freiheit als bedrängend und Angst auslösend. Vor allem die zeitliche Unabsehbarkeit dieser Bedrängnis entspricht einer existenziellen Noterfahrung. Daher sollten Unternehmen jetzt begleitende externe Serviceangebote von Employee-Assistance-Programmen (EAP) erwägen, um diese Belastungen aktuell abzufedern. Auch nicht-fachbezogene Videokonferenzen, bei denen informelle Entlastung auf der Agenda steht, können hier hilfreich sein und dazu beitragen, dass sich Menschen gesehen fühlen und trotz „social distancing“ Verbundenheit erleben.

 

Vertrauen, Zusammenhalt, Identität und Zustimmung sind nicht primär räumlich gebunden, sondern zutiefst Phänomene der Kontinuität, der Verbundenheit von Menschen über die Zeit, in dem Wissen: „Niemand bleibt zurück – und auch ich kann darauf zählen“.

 

Insofern hielten wir es psychologisch für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft für höchst bedeutsam, dass die angekündigten politischen Programme zur Stützung der Wirtschaft, eine unbedingte Ausgestaltung etwa von Kurzarbeitergeld, die unbürokratischen Stützung des Mittelstands, von kleinen Unternehmen und Freiberuflern glaubwürdig umgesetzt würde. – Die beispiellose Entschlossenheit, wie sie bezüglich der Bedingungslosigkeit der „Grundrente“ vertreten wurde, wäre angesichts der aktuellen Krise freilich ein wichtiges Signal des Vertrauens an die Wirtschaft und ihre Beschäftigten. – Und sie bleibt momentan zu wünschen.