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Weltraumexperte Professor Enrico Stoll

Ich bin unterwegs zu Prof. Enrico Stoll, Leiter des Instituts für Raumfahrtsysteme an der TU Braunschweig. Meine Mailanfrage hat er nahezu in Lichtgeschwindigkeit beantwortet. „Abfahrt Braunschweig – Flughafen“, sagt das Navi. Ich bin gespannt auf Sternenstaub oder so. Mit Staub liege ich auch gar nicht so falsch wie sich herausstellt, denn es ist die Entsorgung des Weltraumschrotts (Space Debris), die zu seinem Tagesgeschäft gehört. SAT1 und RTL waren kürzlich hier und jetzt ich ;-). Prof. Stoll hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert, später dann auch noch Mathematik – nicht gerade Mainstream. Er gehört zu jenen Menschen, die mit Begeisterung und Glanz in den Augen erklären, dass die Berufswahl richtig war. Er ist ein Universitätsmensch – die TU Braunschweig ist seine neunte Uni…

Satelliten haben es ihm angetan

Er war technisch schon immer interessiert, insbesondere die Satelliten haben es ihm angetan. Ihn fasziniert die Berechnung von Umlaufbahnen, Wärmeverhalten etcetera. Sein Wunsch war es schon immer, Satelliten zu bauen. Das wird demnächst an seinem Institut für Raumfahrtsysteme auch geschehen. Der Antrag ist bereits gestellt. Universitäre Satelliten sind so 10 mal 10 mal 10 Zentimeter groß und auch preiswerter geworden durch standardisierte Elemente, erfahre ich. Und der Weg ins All ist auch nicht das Hindernis; denn bei den normalen Raketen ist immer ein kleiner Platz frei. Der Satellit ist eckig und findet in einer runden / zylindrischen Rakete Platz. Der Satellit soll dann primär die Studenten ausbilden. Ingenieuren geht das Herz auf, wenn sie bauen und löten können, sich die Hände dreckig machen und nicht nur PowerPoint – Präsentationen ausgesetzt sind.

Zahl der Studierenden steigt

In den Grundvorlesungen finden sich in der Luft- und Raumfahrttechnik 80 bis 90 Studenten. In den Hauptstudienvorlesungen der Raumfahrt sind es dann zwischen 20 und 30. Nur fünf bis zehn Prozent Frauen studieren diese Fachrichtung. Die meisten Absolventen gehen in die Raumfahrtindustrie aber auch in der Automobilindustrie sind einige tätig. Die Raumfahrt erlebt derzeit einen Aufschwung. Es werden sehr viele Satelliten gebaut. Zwei große Firmen in Deutschland mit Sitz in Bremen (OHB und Airbus) sind hier federführend.

Beseitigung von Weltraumschrott

Forschung, Lehre und Projektarbeit machen den Alltag von Prof. Stoll aus. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der Forschung. Es gibt nur wenige Raumfahrtlehrstühle in Deutschland. Weltraumschrott, Satellitentechnik, neue Technologien und Systeme sowie Kultur und Raumfahrt sind die Arbeitsgruppen am Institut. Die Thematik Weltraumschrott hat ihn angezogen. Allein 750.000 Objekte von mehr als 1 cm Größe umrunden aktuell mit enormer Geschwindigkeit die Erde. Eine Gefahr für den Menschen stellt das nicht dar, aber der volle Orbit behindert den Einsatz von Satelliten. Das ist bei einem Objekt von z.B. acht Tonnen Masse mit zwanzig Metern Ausleger (vergleichbar einem Bus), der dort oben rotiert, schon schwierig. 20.000 Objekte, die größer als 10cm sind, sind aktuell das Problem. Besonders problematisch sind Faserverbundsysteme, da sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre nur schwer verglühen.
Prof. Stoll war zuvor in einer Firma tätig, die mit einer Satellitenkonstellation Erdbeobachtung betrieb. Weltraumschrott, der den Satelliten gefährlich nahe kommt, gehörte dabei zum Alltag. Als Operateur eines Satelliten muss man dann innerhalb kurzer Zeit Kollisionswahrscheinlichkeiten berechnen und Ausweichmanöver initiieren.

Gecko-Effekt als mögliche Lösung

Aus der Materialwissenschaft, genauer gesagt aus dem Institut für neue Materialien in Saarbrücken und teilweise auch aus dem Institut für Mikrotechnik in Braunschweig, kommen die Materialien, mit denen man den Gecko – Effekt nachbauen will. So wie der Gecko sich mit seinen feinen Härchen an glatten Oberflächen festhalten kann, so will man an den taumelnden Schrott im All docken. Das kann aber noch ein paar Jahre dauern, bis diese Technik einsatzfähig ist.

Upcoming project: Habitate für Astronauten auf dem Mond

Auf dem Mond befindet sich sogenannter Regolith. Ein grauer Staub, der dem Basalt auf der Erde sehr nahe ist. Wenn man den Regolith aufschmilzt, kann man ihn mittels 3D – Druck verdrucken und Häuser, sogenannte Habitate, für Astronauten drucken. Dafür wird ein Rover, also ein kleiner fahrbarer Roboter, benötigt. Der Gedanke als solcher ist nicht neu, ihn gibt es schon seit 20 Jahren. Aber die Technologien sind nun soweit, dass es auch umsetzbar wird. Da wird Science Fiction zur Realität. Was sonst noch so rumschwirrt: Astronauten und Weltraumtouristen „Ich habe mich damals auch beworben als der deutsche Astronaut, Herr Gerst, ausgewählt wurde. Inzwischen habe ich zwei Kinder. Ich weiß nicht, ob ich das noch machen würde. Aber es ist natürlich ein Traum aus dem All auf die Erde zu schauen“, sagt Prof. Stoll lachend. „Weltraumtouristen finde ich auch super. Das kostet übrigens so 20 bis 30 Millionen Euro mit Ausbildung und Flug etc.“ Privat ist Prof. Stoll weniger spacig, sondern eher konservativ unterwegs, spielt gern Volleyball, Fußball – nichts Abgefahrenes, wie er lachend erklärt. Die ERIG (Experimentelle – Raumfahrt – Interessengemeinschaft), eine Gruppe von 20 bis 30 Studenten, die 2016 den Niedersächsischen Wissenschaftspreis gewonnen hat, würde sich über interessierte junge Leute freuen, die mitmachen wollen, so abschließend Prof. Stoll.