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Zu Besuch bei Reiher – Geschichte eines Traditionsunternehmens

Mit einem Startkapital von 20.000 Reichsmark, plus einer Aufstockung durch die Verwandtschaft begann 1919 die Geschichte der Firma Reiher – anfänglich ging es um Elektro- und Industriebedarfs-Artikel sowie die Fabrikation von Porzellanprodukten speziell für die Elektroindustrie. Dem aufmerksamen Leser fällt aus, das Unternehmen das heute seinen Sitz in der Saarbrückener Straße hat, feiert im Jahr 2019 sein 100-jähriges Jubiläum. So können wir im Rahmen des Besuch bei dem aktuellen Geschäftsführer Jörg Böger auch gleich noch die Glückwünsche zu einem Geburtstag überbringen, den tatsächlich nur rund 5 Prozent aller Firmen erleben. So stellt sich gleich zu Beginn die Frage, wie schafft man es solange am Markt zu bestehen? Geschäftsführer Böger gibt sich bescheiden und verweist auf seine Sozialisation. „Von Kleinauf habe ich gelernt auf das Geld zu achten und eher auf Sicherheit zu setzen, anstatt wild ins Risiko zu investieren, das hat sich offensichtlich bewährt.“

Geschäftsführer Jörg Böger

Dazu kommt für den Außenstehenden durchaus an, dass die Firma in den letzten 100 Jahren einige Täler durchschreiten musste und nur durch Anpassungsfähigkeit den langen, erfolgreichen Weg gehen konnte. „1973 hatte mein Vater genug vom Angestellten-Verhältnis und ging in die Selbständigkeit, er stieg bei Reiher ein. Mitte der 1970er Jahre verdrängte dann das Spritzgießen das bisher übliche Pressen. In der Verarbeitungstechnologie kam dies einer Revolution gleich. Erhebliche Investitionen in Entwicklung, Konstruktion und Maschinentechnik kamen auf die Firma zu. Die Zeiten waren nicht immer ganz einfach, da mein Vater auch immer noch den Druck der Gesellschafter verspürte, die natürlich auch die finanziellen Erfolge sehen wollen. Doch es gelang alle Probleme zu umschiffen und das Unternehmen ging in den Besitz der Familie Böger über.“ Einen großen Erfolgsbaustein stellte über viele Jahre die berühmte Lichterkette für den Weihnachtsbaum da.

Bild aus der Anfangszeit

Über viele Jahrzehnte hinweg galt Reiher als bedeutender Produzent von Lichterketten in Deutschland – gemeinsam mit starken Partnern wie Osram machte man sich einen echten Namen. Mit der Zunahme der asiatischen Konkurrenz kam aber auch hier eine echte Zäsur. „Zum Glück hatte mein Vater darauf geachtet, dass das Unternehmen nicht nur von einem Produkt abhängig war, denn 2003 mussten wir dem Preisdruck endgültig stattgeben und haben die Produktionen von Lichterketten eingestellt“, erzählt Böger. Ein neues Standbein war der Vertrieb von Produkten für die Lichttherapie, die nach dem eingeleiteten Generationenwechsel im Jahr 1999 (Jörg Böger trat endgültig die Nachfolge seines Vaters an und übernahm die Geschäfte gemeinsam mit seiner Schwester), gab es einen regelrechten Boom bei diesen Geräten, berichtet der Geschäftsführer heute.

Dennoch verfolgte man weiter die Kunststofftechnik, das Herstellen von Sicherungselementen, die industrielle Strahlung mit UV und IR und ab 2018 auch den 3-D-Druck. Dabei steht die Massenproduktion nie im Mittelpunkt des Schaffens, eher sind es Nischenprodukte und individuelle Lösungen. Das alles passiert seit 2014 mit einer automatisierten Produktion.

„Auch beim „Medizinischen Licht“ merken wir, dass es mittlerweile mehr und mehr einen Kosumermarkt gibt und die Kunden auf Massenware aus dem asiatischen Raum zurückgreifen, es gilt also auch dort wieder über Produktinnovationen neue Wege zu gehen, das ist natürlich in diesem Bereich nur mit neuen medizinischen Erkenntnissen vereinbar, aber wir bleiben auch dort innovativ“, so Böger.

Wenn man sich den Fortschritt anschaut und auf die vergangenen 100 Jahre blickt, dann isst die Firma Reiher von der Handspindelpressen zum 3-D-Druck gekommen. Da muss auch Böger schmunzeln, „Schon verrückt, eine so lange Zeit sind 100 Jahre ja dann auch nicht.“ Für die Zukunft wünscht sich der Geschäftsführer einen noch engeren Austausch mit dem Startup Copro, das vor Kurzem mit auf das Firmengelände gezogen ist. „Wir konnten Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und sind glücklich, dass wir nun ein junges Unternehmen gefunden haben, welches hier als Mieter bei uns eingezogen ist.“

Bis zum 3-D-Druck

Vielleicht entwickelt man ja sogar gemeinsam ein Produkt, dass dann die nächsten 100 Jahre Firmengeschichte prägt. Wer die ganze Chronik des Baunschweiger Traditionsunternehmens nachlesen möchte, der findet hier die Chronik in einer Multimedia-Story.